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Deutsch

Die Einführung der Erklären-Verstehen-Dichtotomie in die Psychiatrie durch Jaspers - Aktualität und Grenzen


[Jaspers‘ introduction of the Explanation-Understanding-Dichotomy into the Psychiatry – Current relevance and boundaries]

Juan Valdés-Stauber

[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Oktober 2016, Original paper]

Zusammenfassung

Fragestellung: Jaspers übernahm für die Psychiatrie die im Rahmen des Methodenstreits zwischen Geistes- und Naturwissenschaften aufgestellte Dichotomie von Erklären und Verstehen. Untersucht wird die wissenschaftstheoretische Bedeutung der jaspersschen Verstehen-Erklären-Dichotomie sowie, inwieweit der ursprüngliche erkenntnistheoretische Rang des Verstehens heute noch eine heuristische und klinische Tragweite besitzt.

Methode: Ausgehend von den philosophischen Einflüssen durch Husserl und Dilthey wird die wissenschaftstheoretische Begründung der Psychopathologie in der instrumentellen Dichotomie zwischen Erklären und Verstehen untersucht. Die entstandenen ontischen Grenzen des genetischen Verstehens sind der Ausgangspunkt für die Untersuchung der Tragweite des Unverständlichkeitstheorems als ausschlaggebend für die Diagnose von letztlich biologisch begründeten psychischen Störungen. Diskutiert wird die Aktualität von Verstehen in Psychiatrie und Psychotherapie als heuristisches Instrument der Erfassung fremdseelischen Erlebens und der Diagnostik.

Ergebnisse: Für den Aufbau einer die Psychopathologie begründenden Wissenschaftstheorie übernimmt Jaspers wesentliche Begriffe vom frühen Husserl (Deskription, Phänomen, Anschauung, anschauliche Vergegenwärtigung, Intentionalität und Urteilsfreiheit) und vom späten Dilthey (Verstehen, Sichhineinversetzen, Transposition, Erlebnis, Nacherleben, Einfühlen, Mitfühlen, Nachbilden) und passt sie an seine erkenntnistheoretische und letztlich heuristisch-diagnostische Intention an. Während das Sichhineinversetzen sowohl für die Anschauung von psychopathologischen Kategorien als auch für das Einfühlen in Patientenerlebnisse verwendet wird, bleibt das genetische Verstehen das ontische Instrument, um zwischen verstehbaren Entwicklungen und erklärbaren Prozessen diagnostisch und therapeutisch unterscheiden zu können. Die Untersuchung der Grenzen des genetischen Verstehens führt einerseits zu biologischen Phänomenen, andererseits zur Totalität der Existenz. Das Unverständlichkeitstheorem als erkenntnistheoretisches Paradigma der jaspersschen Psychopathologie wird anhand von elf Annahmen kritisch beleuchtet. Die abschließende Kritik setzt vornehmlich an der Universalität und Uniformität des Verstehens als auch an deren Einseitigkeit an. 

Diskussion: Jaspers postuliert einen hierarchisierten Methodenpluralismus für die Psychiatrie, der eine Umkehrung des diltheyschen Vorrangs des Verstehens gegenüber dem Erklären in der Psychologie darstellt. Das Verstehen als Aneignung des Patienten wird dem realen Bedürfnis nach Kommunikation nicht gerecht, denn es geht ontisch – und vielleicht auch ontologisch – eher um Verständigung und um Erkundung von Partizipationshorizonten durch eine Disposition des Sicheinlassens als um deskriptive Diagnostik von unverständlichen Wahnwelten.

 

Schlüsselwörter: Epistemologie - Erklären - Haltung - Psychopathologie - Verstehen - Wahn

Abstract

Objective: Jaspers adopted to the psychiatry and psychopathology the methodological dichotomy between explanation and understanding, which was at his time strong related to the natural sciences respectively to humanities. It is examined, to what extent the original epistemological rank of the understanding as a method owns even today a heuristic and clinical range.

Method: The epistemological justification of psychopathology based on the heuristic significance of the methodological dichotomy between explanation and understanding has to be explored in the light of the philosophy both of Husserl and Dilthey. The arisen ontic boundaries of genetically understanding of meaningful psychic connections are the starting point for exploring the relevance of the so called “incomprehensibility theorem” as crucial for psychiatric disorders that are biologically grounded in the final analysis. We finally discuss the present relevance of Understanding as a heuristic tool to assess mental states of another person.

Results: In order to build his Psychopathology as a basic science for Psychiatry, Jaspers assumes kernel concepts proposed by the early Husserl (description, phenomenon, intuition, to make intuitively present, intentionality, presuppositionlessness) and by the late Dithey (understanding, self-transposal, subjective experience, reliving or re-experiencing, empathy, sympathy or co-feeling, re-creating). He adapted these concepts in an epistemological way towards an accurate diagnosing. Self-transposal is a kernel tool both for phenomenology and for empathy, whereas genetically understanding remains an ontic tool in order to assess meaningful psychic connections and to distinguish comprehensible psychic developments from explainable (biological grounded) psychic processes for both diagnostic as well as treatment proposes. Exploring boundaries of genetic understanding we encounter on the one hand biological processes, on the other hand the human existence as a totality. The epistemological assumptions of the inferred “incomprehensibility theorem” are critically discussed. Finally, we criticize the one-sidedness, the assumed universality and uniformity of Jaspers’ understanding and outline possible pursuing perspectives.

Discussion: Jaspers claims for a methodological pluralism that leads to a hierarchy within the method scope, because he postulates contrary to Dilthey that Explanation over-determines Understanding. Comprehensibility as appropriation of others by understanding meaningful psychic and motivational associations may do injustice to real human urgent need for communication and interaction; therefore, communicative agreement and existential participation could be ontically and even ontologically more important than mere understanding as decoding process, because getting involved is a basic positive human disposition that allows to accept other inner world that are logically incomprehensible.

 

Key words: epistemology – explanation – attitude – psychopathology-understanding – delusion

Einführung

Die Debatte über die Verstehen-Erklären-Dichotomie wurde durch Karl Jaspers‘ epochales Werk Allgemeine Psychopathologie (AP) von der Philosophie in den psychiatrischen Diskurs eingeführt (Jaspers, 1913/1973). Seine Grundgedanken zur heuristischen Bedeutung dieser Dichotomie hatte Jaspers bereits ein Jahr zuvor in seinem Aufsatz Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie (Jaspers, 1912) programmatisch vorgelegt.

Von einer historischen Perspektive aus kann angenommen werden, dass Jaspers versucht hat, den im damaligen Zeitgeist herrschenden Methodenstreit in die Psychiatrie einzuführen und mit der psychiatrischen Semiologie kompatibel zu gestalten. Daraus entstand eine wissenschaftstheoretische Systematisierung der Psychopathologie als Grundlagenwissenschaft der Psychiatrie. Die heuristische und wissenschaftstheoretische Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen bekommt in seinem Werk einen festen Platz; diese Dichotomisierung ist sehr intuitiv und durch ihre Klarheit und pragmatisch-klinische Relevanz bestechend, weshalb sie bis heute sehr große Resonanz bei Psychiatern gefunden hat und immer noch findet (Thornton, 2007, S. 89-122). Als methodologische Grundlage für das sogenannte Unverständlichkeitstheorem dürfte diese Dichotomie jedoch wissenschaftstheoretische Weiterentwicklungsmöglichkeiten in der Psychiatrie gehemmt haben (Jenner et al., 1986).

Berücksichtigung sollte neben dem methodologischen Einfluss von Simmel, Dilthey, Husserl und Weber auch die Doppelquelle von Jaspers‘ Denken als Arzt und Philosoph in seinem Bestreben, das Menschsein als Ganzes aufzufassen, finden. Als Psychopathologe versteht sich Jaspers als radikaler Empiriker, der sicherlich die Vorzüge des klinisch-rationalistischen Paradigmas der Medizin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt und zugleich die empiristischen Forderungen des Positivismus ernst genommen hat. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass der Mensch als Totalität in seinem Dasein in Abhebung von der Natur einen anderen Zugang braucht, den er in seiner Metaphysik der Existenz versucht zu erhellen (s. Tab. 1).

Tabelle 1:Jasperssche philosophische, wissenschaftstheoretische und psychopathologische Kategorien. Das Verstehen in opponierenden Begriffspaaren sollte eine Annäherung des semantischen Feldes von „Verstehen“ bei Jaspers darstellen.

I. Philosophische Dichotomien bei Jaspers

Empirische Wissenschaften

Philosophie

Weltsein

Menschsein

Dasein

Existenz

Tatsächlichkeit der Natur

Einmaligkeit der Existenz

Gegenstand

Phänomen

Gegenständlich Seiendes

Umfassende Totalität

II. Wissenschaftstheoretische Dichotomien bei Jaspers

Mannigfaltigkeit der Methoden

Idee des Ganzen

Methodenpartikularismus

Methodenkomplementarität

Erfassen und Erkennen

Erhellen

Verstehen und Erklären

Beschreiben

Analyse

Anschauung

Erklären

Verstehen

Verstehbarkeit

Unverstehbarkeit

III. Psychopathologische Dichotomien bei Jaspers

Objektive Symptome

Subjektive Symptome

Prozess

Entwicklung

Schub

Krise

Echte Wahnideen

Wahnhafte Ideen

IV. Verstehensdichotomien bei Jaspers

Psychologisches Verstehen

Umfassendes Verstehen

(geistiges, existentielles, metaphysisches Verstehen)

Statisches Verstehen

Genetisches Verstehen

Phänomenologisches Verstehen

Anschauungsverstehen

Rationales Verstehen

Einfühlendes Verstehen

Verstehen

Deuten

 

Erst vor dem Hintergrund dieser Idee des Menschseins als Ganzes wird die empirische Herangehensweise an menschliche Phänomene ermöglicht, denn verschiedene Methoden (hier vor allem das Erklären und das Verstehen) werden in ihrer jeweiligen Berechtigung komplementär in einem übergeordneten erkenntnistheoretischen Ideal aufgehoben. Diese Anerkennung von methodologischer Pluralität wird von Rinofner-Kreidl in ihrer These des jaspersschen Methodenpartikularismus ausgearbeitet, die eine Kompatibilität und Komplementarität der Methoden begründen dürfte: „Nur unter der Bedingung, dass wir uns an der Idee eines Ganzen orientieren, kann die Psychopathologie unter die Forderung einer nicht-beliebigen Mannigfaltigkeit der Methoden gestellt werden. […] Menschliche Existenz ist ein mit rationalen Mitteln nicht fassbares, das heißt gegenständlich nicht erkennbares Ganzes. Auch wenn ein auf dieses Ganze bezogenes Totalwissen prinzipiell nicht erreichbar ist, so ist die Idee der menschlichen Existenz doch unverzichtbar für die empirische Erforschung der Äußerungen menschlichen Lebens“ (Rinofner-Kreidl, 2008, S. 76). Innerhalb der Psychopathologie sieht die Autorin die Relation zwischen dem Ganzen (das menschliche Dasein) und den Teilen (die einzelnen methodischen Herangehensweisen) im dialektischen Zusammenhang zwischen Anschauung und Analyse treffender ausgedrückt als in der Gegenüberstellung von Erklären und Verstehen (Rinofner-Kreidl, 2008, S. 86).

Eine philosophische Herangehensweise an die Allgemeine Psychopathologie, die ab der vierten Auflage die jasperssche existenzanalytische Metaphysik berücksichtigt, lässt erkennen, dass neben einer Systematisierung der psychopathologischen Phänomene in Kategorien als Grundlagenwissenschaft der Psychiatrie dort auch eine grundlegende regionale Wissenschaftstheorie für die Psychiatrie ausgearbeitet wird, die eine Kontinuität zwischen Psychologie und Psychopathologie zugrunde legt. In diesem Sinne behauptet Luft: „Die AP ist zugleich wissenschaftlich angewandte Philosophie und philosophisch operierende Wissenschaft“ (Luft, 2008, S. 36). Jaspers wagt in zwar scharf getrennten, jedoch sich nicht unbedingt ausschließenden Kategorien (subjektive und objektive Symptome, Verstehen und Erklären, genetisches und statisches Verstehen sowie Prozess und Entwicklung) ein methodologisches Gebäude für die Psychiatrie, welches das aristotelische Form-Materie-Prinzip (Hylemorphismus) in der Version der weberschen Typologien oder der husserlschen eidetischen Variationen für die psychopathologischen Phänomene übersetzt. „Phänomenologie ist also eine „Kategorienlehre“ der Formen der Erfahrung menschlichen Bewusstseinslebens bzw. eine „Morphologie“ des Bewusstseins. Die Formen, die Jaspers beschreibt – Ich-Bewusstsein, Gegenstandsbewusstsein, Leibbewusstsein etc. – sind Invarianzen, die mittels Variation verschiedener Bewusstseinsströme entdeckt werden“ (Luft, 2008, S. 42), womit das rationale Moment der Abstraktion von transpersonalen psychopathologischen Kategorien als Formen der Anschauung getrennt wird von intrapersonalen Erlebensinhalten. Diese implizite Trennung beinhaltet die Doppelheit der Erste-Person-Perspektive und der Dritte-Person-Perspektive, wie auch die rational zu erfassenden Kategorien und die personale Vergegenwärtigung von Bewusstseinsinhalten und Erlebnissen durch Einfühlung.

Fragestellung und Methodik

In der vorliegenden Arbeit wird den Fragen nachgegangen, ob die jaspersschen Dichotomisierungen neben der heuristischen Bedeutung für die Psychiatrie heute noch eine erkenntnistheoretische Aktualität besitzen und ob der Aufbau einer Psychopathologie entlang dem Unverständlichkeitstheorem, basierend auf einer restriktiven Auffassung vom Verstehen psychopathologisch relevanter Phänomene, legitimiert sei. Ferner wird der Frage nachgegangen, ob die husserlsche Annahme der Vergegenwärtigung fremdseelischen Erlebens mit der damit verbundenen Empathie als erkenntnistheoretische Methode doch nicht in Richtung einer Zweite-Person-Perspektive weiterentwickelt werden müsste, bei welcher Empathie eher Ausdruck einer dialogischen Haltung wäre, ohne das hylemorphe Prinzip der Komplementarität von Form und Inhalt in der Psychopathologie, im Sinne einer Komplementarität der transpersonalen und der intrapersonalen Perspektiven aufzugeben.

Um die Fragestellungen beantworten zu können, wird in einem ersten Schritt eine kritische Darstellung der philosophischen Einflüsse auf Jaspers versucht, insbesondere die strukturale  husserlsche Phänomenologie und die Strukturpsychologie Diltheys. In einem zweiten Schritt wird eine Rekonstruktion der jaspersschen, für die philosophische Begründung seiner Psychopathologie wesentlichen wissenschaftstheoretischen Annahmen und heuristischen Methoden unternommen. In einem dritten Schritt werden nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem auf seiner psychiatrischen Wissenschaftstheorie basierenden Unverständlichkeitstheorem dessen Implikationen erörtert. Im letzten Schritt werden die Vorzüge und Grenzen der jaspersschen Dichotomien diskutiert sowie die Bedeutung der Unverständlichkeit, der bidirektionalen Kommunikation, der Verständigung und des Verstehens als ein Sicheinlassen für die psychiatrische und psychotherapeutische Praxis gewürdigt.

Philosophische Einflüsse auf das jasperssche Verstehen in der Psychopathologie

Wenngleich heute der Begriff „Phänomenologie“ allgegenwärtig geworden ist, war vor einem Jahrhundert die Bedeutung, mit der Jaspers diesen philosophischen Ansatz in die Medizin einführte, gewissermaßen revolutionär. Zwei große Philosophen, auf die sich Jaspers selbst sehr kurz in einer Fußnote bezieht, verwendeten den Begriff der Phänomenologie, jedoch mit einer anderen semantischen Bedeutung. Hegel sprach von Phänomenologie in einem sehr umfassenden Sinne, als ob Phänomene die geistige Aktivität selbst als auch ihre Produkte in einer unerschöpflichen dialektischen Generativität seien und sich einem absoluten Bewusstsein in personaler und transpersonaler Hinsicht und in zeitlicher Progression (Historizität) vergegenwärtigen würden (vgl. Hegel, 1988, S. 164-239; Hegel, 1986, §112-159 und §553-577). Husserl bemühte sich ein Jahrhundert später darum, das Bewusstsein von absoluten, aprioristisch gesetzten Eigenschaften zu befreien, ohne die idealistische Ontologie zu verlassen (Husserl, 2009). Im Laufe seines fruchtbaren Denkweges bewegte sich Husserl bedauerlicherweise immer weiter weg von einer Verfeinerung in der Beschreibung des Seelenlebens und der Begründung der Bewusstseinsinhalte hin zu einem reinen ontologischen Idealismus, sodass seine Phänomenologie sich am Ende nicht mehr mit einer Schärfung in der Beschreibung der Bewusstseinsinhalte befasste, sondern mit einer Wesensschau (Husserl, 1995). Neben dem ganz ausschlaggebenden Einfluss von Husserl, haben auch der lebensphilosophische Vitalismus Nietzsches, der Existenz-Begriff Kierkegaards und die aufklärerische Moral Kants auf Jaspers‘ Auffassung menschlicher Existenz als radikal auf Freiheit ausgerichtet (Bormuth, 2014) wichtigen Einflüss auf Jaspers‘ Denken sowie die verstehende Psychologie und Soziologie (Glatzel, 1978, S.145-153) von Dilthey (1910/1997), Weber (1922/1998) und Simmel (1918/1999).

Der Einfluss Husserls

Jaspers verwendet die phänomenologische Methode im Sinne Husserls aus dessen Logischen Untersuchungen, jedoch mit zwei Unterschieden: Zum einen bezieht sich Jaspers auf das fremdseelische Erleben psychisch kranker Menschen und nicht nur auf Sachverhalte im Allgemeinen, zum anderen auf die Erfassung („Vergegenwärtigung“) von etwas Mittelbarem (das Erleben des Patienten) anstelle des unmittelbar Gegebenen in der lebensweltlichen Erfahrung. Die Überbrückung dieser Mittelbarkeit weist auf das Problem der erkenntnistheoretischen Legitimation von Aussagen über das fremdseelische Erleben, welches Jaspers dahingehend löst, indem er postuliert, dass die Vergegenwärtigung des Erlebens des Patienten durch einen empathischen Prozess des Sichhineinversetzens erfolgt, in der Terminologie Husserls durch „Appräsentation“. In einem weiteren Schritt geht es darum, ob die so vergegenwärtigten Fremderlebnisse, die bei Gesunden nachvollziehbar wären, bei den Patienten verstehbar sind oder unverständlich bleiben. "Verstehbar" beruht einerseits auf Sinnhaftigkeit, andererseits auf Ableitbarkeit von anderen seelischen Erlebnissen. Jaspers vollzieht an dieser Stelle eine gewagte methodologische Entscheidung: Sind die Erlebnisinhalte verstehbar, handelt es sich sodann um eine „seelische Entwicklung“ oder um einen aus der Affektivität heraus verstehbaren Wahn (wahnhafte Ideen), die der Methode des genetischen Verstehens zugänglich wären; wäre der Inhalt nicht verstehbar, stünden wir vor bizarren Erlebnissen, die auf einen Prozess hinweisen würden, der nun mit der Methode des naturwissenschaftlichen Erklärens angegangen werden sollte. Erst das Erreichen einer Verstehensgrenze legitimiert den Beginn der Suche nach erklärenden Kausalzusammenhängen, wenngleich Jaspers betont, dass das „Erklären“ keine Grenzen findet: Alles was verstehbar ist, kann ebenfalls einer Erklärung von darunter liegenden Kausalzusammenhängen unterzogen werden. Sollte es, bedingt durch im Vordergrund stehende Sinnzusammenhänge, nicht zwingend sein, würde es –Jaspers zu Ende gedacht – eine Konzession an das Verstehen bedeuten.

Blankenburg verortet die deskriptive Phänomenologie Jaspers‘ zwischen der vorphänomenologischen Bedeutung von Phänomenen, verstanden als beobachtbare Gegebenheiten, die zuweilen in einem akzentuierten Sinne wahrgenommen werden, und der eidetischen und konstitutionsphänomenologischen Position in der Nachfolge Husserls. Dieser hatte eine intellektuelle Entwicklung von deskriptiv-psychologischen Ansätzen im Sinne Brentanos über die eidetische Phänomenologie und die transzendentale Egologie zur Lebensweltphänomenologie vollzogen (Blankenburg, 1991).

Husserl geht vom unmittelbar Begegnenden aus, das aus der unmittelbaren Nähe nicht als abgegrenzter Sachverhalt erfasst werden kann, weshalb durch epoché (Einklammerung) und eidetische Variation Wesensstrukturen erfasst werden müssten; für Jaspers sind diese Wesensstrukturen die psychopathologischen Kategorien, die aus einer transpersonalen Typologisierung der intrapersonalen Erlebnisse und der beobachteten Ausdrucks- und Verhaltensweisen konstruiert und somit wissenschaftlich objektiviert werden können. Jaspers und Husserl gemeinsam sind die phänomenologischen Annahmen der schrittweisen Überführung von Sicht in Einsicht sowie das Sicheinlassen und das Sich-beeindrucken-Lassen unter Berücksichtigung von relevanten Kontextbedingungen: «Vor dem hier geforderten Beschreiben steht ein Sicheinlassen auf das Begegnende, ein Sich-beeindrucken-Lassen. Es gilt, zuvor die Beeindruckbarkeit zu steigern. Partizipation, ja partielle Identifikation sind gefragt […] Dazu bedarf es einer Steigerung der Empathie; genauer: zuerst Steigerung empathischen Gewahrens, sodann erst Steigerung eines distanzierten Konstatierens» (Blankenburg, 1991, S. 94).

Das Verstehen in der diltheyschen Strukturpsychologie

Jaspers übernahm für die Begründung der Psychopathologie die husserlschen Begriffe „deskriptive Phänomenologie“, „Anschauung“, „anschauliche Vergegenwärtigung“ und (Vor-)Urteilsenthaltung („epoché“). Mit der Übernahme dieser Begriffe und deren Übersetzung in eine objektivierende statt eidetische Wissenschaft, trifft er zwei neuralgische Punkte der Phänomenologie (Luft, 2008): den Status der Phänomenologie als eidetische und konstitutionsphänomenologische Analyse und das Problem der Interpersonalität in der Weise der Möglichkeiten und Grenzen des fremdseelischen Erlebens. Hier setzt der zweite wichtige wissenschaftstheoretische Strang von Jaspers an: Wie lässt sich die für die Geisteswissenschaften genuine Methode des Verstehens, so wie sie von der neukantischen Historik und ihrer Kritikern entwickelt wurde, auf die Erfassung fremdseelischen Erlebens übertragen?

Verstehen, zumal rationales Verstehen, ist seit der Antike ein zentrales Anliegen hermeneutischer Positionen in der Bestimmung sinnhafter Zusammenhänge, lange bevor Schleiermacher die Hermeneutik zu einem Universalprinzip erhoben hatte (Grondin, 2001).

Im 19. Jahrhundert schlug Droysen die Dichotomie Verstehen-Erklären erstmalig vor, um differenzielle Methoden für Natur- und Geschichtswissenschaften entgegen dem positivistischen Ideal der Einheitswissenschaft zu etablieren. Es entstand der sogenannte „Methodenstreit“, im Rahmen dessen die Geisteswissenschaften durch eine eigene Methode legitimiert werden sollten. Diese Methode ist diejenige des Verstehens, die bei Wilhelm Dilthey ihre kanonische Ausformulierung fand. Da zentrale diltheysche Begriffe von Jaspers übernommen wurden, soll hier kurz auf die Ideen Diltheys eingegangen werden. Er geht vitalistisch von einem Prinzip des Lebens aus, welches sich in den einzelnen Individuen konkretisiert. Das Leben objektiviere sich in den Ausdrucksformen des Individuums; diese „Objektivationen des Lebens“ drücken das Erleben des besagten Individuums aus, Verstehen würde Dilthey zufolge zwischen Erleben und Objektivation desselben vermitteln. Somit sind die Geisteswissenschaften begründet im Zusammenhang zwischen Erleben, Ausdruck und Verstehen: „Kurz, es ist der Vorgang des Verstehens, durch den das Leben über sich selbst in seinen Tiefen aufgeklärt wird, und andererseits verstehen wir uns selbst und andere nur, indem wir unser erlebtes Leben hineintragen in jede Art von Ausdruck eigenen und fremden Lebens. So ist überall der Zusammenhang von Erleben, Ausdruck und Verstehen das eigene Verfahren, durch das die Menschheit als geisteswissenschaftlicher Gegenstand für uns da ist.“ (Dilthey, 1981, S. 99). Der Idealismus Diltheys drückt sich in seiner Auffassung des Geistes aus, der verschiedentlich strukturell zum Ausdruck kommt und sich in Lebensvollzügen objektiviert, so dass „Verstehen“ eine Beziehung zwischen einem Äußeren (Objektivationen des Lebens) und einem Inneren (bewusste Erlebnisse) herstellt: «Neben dem Erlebnis wird die Anschauung von der Objektivität des Lebens, seiner Veräußerlichung in mannigfachen strukturellen Zusammenhängen zur Grundlage der Geisteswissenschaften. Das Individuum, die Gemeinschaften und die Werke, in welche Leben und Geist sich hineinverlegt haben, bilden das äußere Reich des Geistes […] Indem nun aber die Objektivation des Lebens für uns ein Verstandenes wird, enthält sie als solches überall die Beziehung des Äußeren zum Inneren. Sonach ist diese Objektivation überall bezogen im Verstehen auf das Erleben, in welchem der Lebenseinheit sich ihr eigener Gehalt erschließt und den aller anderen zu deuten gestattet» (Dilthey, 1981, S. 178-180). Nach Dilthey erzeugt die Struktur des Seelenlebens Werte, realisiert Zwecke und wird geschichtlich. Somit sind die Grundideen für eine verstehende Psychologie als idiographische Aufgabe gesetzt. Dilthey bringt das Verstehen auf die einfache Formel: «Das Verstehen ist ein Wiederfinden des Ich im Du» (Dilthey, 1981, S. 235), wenngleich er ständig wechselt zwischen dem Geist und dem Leben als übergeordnet oder als in Gesellschaften, Menschengruppen oder Individuen realisiert. Dabei unterscheidet Dilthey zwischen elementaren Formen des Verstehens (Deutung von Lebensäußerungen, Konstruktion von Gemeinsamkeiten durch Analogien) und höheren Formen des Verstehens (vom Äußeren zum Inneren durch einen Schluss der Induktion zwischen Ausdruck und Ausgedrücktem oder von Erwirktem zu Wirkendem). Was verstanden wird, ist ein Lebenszusammenhang, und der Weg dorthin wird bestritten durch eine „Verfassung“ des „Sichhineinversetzens“ oder „Transposition“ in einen Menschen oder einen Wert. Das Verstehen werde wirksam durch das „Nachbilden" oder "Nacherleben“. Dieser Vorgang beschäftigt Dilthey nur in seiner Zweckmäßigkeit, nicht psychologisch, weshalb „Mitfühlen“ oder „Einfühlen“ nur deshalb von Interesse sein können, sofern sie „die Energie des Nacherlebens verstärken“ (Dilthey, 1981, S. 265). Sinn würde entstehen durch (historische) Rekonstruktion des Ganzen als Strukturzusammenhang, dessen Einheit durch Lebenskategorien wie vor allem Bedeutung, aber auch Wert, Zweck, Entwicklung und Ideal konstituiert wird. In der Hermeneutik Diltheys gibt es für den Prozess des Verstehens naturgemäß keine Grenzen, denn Lebensäußerungen stehen stets in einer sinnhaften Verknüpfung zwischen Äußerem und Innerem. Diese Auffassung führt dazu, die Psychologie in eine erklärende, auf Kausalzusammenhängen basierende Psychologie und in eine beschreibende bzw. zergliedernde Psychologie, die auf Erlebnisse als strukturelle Sinneinheiten abzielt, aufzuteilen, wobei er die zergliedernde Psychologie über die erklärende erhebt.

Jaspers übernimmt wesentliche Begriffe aus der Hermeneutik Diltheys wie „Verstehen“, „Sichhineinversetzen“, „Nacherleben“ und „Erlebnisse“, verwendet sie aber mit anderer Intention. Allen voran setzt Jaspers dem Verstehen Grenzen, die einmal erreicht, das Erfragen von erklärenden Kausalzusammenhängen nach sich ziehen. Erklären und Verstehen seien in der Psychologie (Psychopathologie) vordergründig gleichwertig, während Dilthey dem Verstehen den Vorrang gibt; vordergründig deshalb, weil bei Jaspers das Erklären universal ist und das Verstehen sich lediglich auf nachvollziehbare Sinnzusammenhänge bezieht (s. Abb. 1).

Abbildung 1: In der diltheyschen Auffassung sind in allen Lebensmanifestationen Sinnzusammenhänge zu finden, Kausalzusammenhänge könnten dem Verstandenen folgen. Bei Jaspers sind alle psychischen Phänomene kausal erklärbar, hier gäbe es keine Grenzen; nur Teilbereiche der Erlebnisse sind Jaspers zufolge primär verstehbar.

 

Ferner ist das Verstehen für Dilthey, ermöglicht durch einen Akt des Hineinversetzens, kein psychologisches, sondern eher ein logisch-induktives Moment, während Jaspers hierin eine Methode der direkten, intuitiven Vergegenwärtigung des Erlebens von Patienten sieht: Es handelt sich bei Jaspers weniger um ein „Wiederfinden des Ich im Du“, sondern eher um eine intuitive Aneignung des Du seitens des ärztlichen Ichs durch Empathie, aus welcher mit Evidenz die Sinnzusammenhänge zwischen Ausdruck und Erleben hervorgehen würden. Schließlich wendet sich Jaspers von einer ursprünglichen idiographischen zu einer nomothetischen psychopathologischen Typologisierung hin, wenngleich er die sie begründende Phänomenologie vom genetischen Verstehen unterscheidet.

Die Übertragung der Verstehen-Erklären-Dichotomie von der Philosophie auf die Psychiatrie durch Jaspers

Jaspers übernimmt die Dichotomie zwischen Erklären und Verstehen vom Historismus und von kritischen Strömungen des Neukantianismus, jedoch nicht, um Geisteswissenschaften methodologisch von Naturwissenschaften zu unterscheiden und jeweils zu legitimieren, sondern um ein wissenschaftstheoretisches Kriterium zur Hand zu nehmen, welches zwischen schizophrenem Erleben als prozesshaft – und somit als biologisch determiniert – und nichtschizophrenem Erleben als Entwicklung und somit lebensgeschichtlich und kontextuell nachvollziehbar unterscheidet. Es handelt sich also um eine Verkettung von Dichotomien: Schizophrenie-Prozess-Erklären versus Nichtschizophren-Entwicklung-Verstehen, die zunächst als sehr plausibel und schlüssig erscheinen (s. Tab. 1). Sein implizites Ziel bestand darin, das Phänomen des Wahns psychopathologisch zu verorten durch das Aufstellen eines  Kriteriums für die Unterscheidung zwischen stimmungskongruentem, aus der gestörten Affektivität heraus verständlichem Wahn und dem bizarren, nicht auf einen Gemütszustand zurückführbaren Wahn. Diese Grenze würde bei den damals genannten „endogenen Psychosen“ Aufschluss darüber geben, wann von einer organischen Grundlage als Ursache auszugehen sei, denn bei den organischen Psychosen sei das biologische Moment schon vorausgesetzt. Natürlich bedeutet das Vorliegen einer affektiven Psychose nicht, dass eine biologische Ursache ausgeschlossen ist, auch wenn die Wahninhalte und das Entstehen des Wahns selbst nachvollziehbar wären; diese Ausschließlichkeit ist relativiert worden mit der Etablierung von multifaktoriellen Modellen des Entstehens, des Aufrechterhaltens und des Überwindens von psychischen Störungen.

Die Dichotomie Verstehen-Erklären bei Jaspers

Die wissenschaftstheoretische Grundlage der jaspersschen psychopathologischen Wissenschaftstheorie liegt darin, dass es kausale Zusammenhänge von Sinnzusammenhängen zu unterscheiden gilt. Jaspers knüpft an die neukantische Tradition und an den Historismus von Droysen, Dilthey, Rickert, Windelband und Spranger (später auch Croce, Collingwood und Ortega y Gasset) an und unterscheidet zwischen dem Verstehen von Sinnzusammenhängen und dem Erklären kausaler Verknüpfungen. Wenn Jaspers von „Erklären“ spricht, setzt er voraus, dass es sich bei dem zu Erklärenden um biologisch begründete Phänomene im Menschen handelt, die einer Ursache-Wirkung-Logik folgen, analog zu den Naturereignissen. Diese trennt er von der Methode des Verstehens. „Verstehen“ würde bedeuten, dass normalpsychologische als auch psychopathologisch relevante seelische Phänomene durch eine Sinnkontextualisierung verstehbar werden, die es ermöglicht, das Entstehen der seelischen Phänomene aus Gemütszuständen, Zwecken, Motivationen, Erwartungen, Frustrationen etc. logisch nachvollziehbar zu rekonstruieren. Jaspers selbst hat sich kaum über diesen Vorgang, wie „Seelisches aus Seelischem hervorgeht“ epistemologisch eingelassen, dabei die diltheyschen und simmelschen Begriffe des Sichhineinversetzens und des Einfühlens, heute als Empathie verstanden, unkritisch übernommen.

Das Verhältnis zwischen Verstehen und Erklären in der Psychiatrie sieht Jaspers sowohl komplementär als auch sich einander ausschließend anhand des Begriffs „Grenzen des Verstehens“, der eine Art biologische Hermeneutik begründet: „Der naheliegende Gedanke, das Psychische sei das Gebiet des Verstehens, das Physische das Gebiet des kausalen Erklärens, ist falsch. Es gibt keinen realen Vorgang, sei er physischer oder psychischer Natur, der nicht im Prinzip kausaler Erklärung zugänglich wäre, auch die psychischen Vorgänge können kausaler Erklärung unterworfen werden. Das kausale Erkennen findet nirgends eine Grenze. Überall fragen wir auch bei seelischen Vorgängen nach Ursachen und Wirkungen. Das Verstehen dagegen findet überall Grenzen […] Jede Grenze des Verstehens ist ein neuer Anstoß zu kausaler Fragestellung“ (Jaspers, 1973, S.253). Diese Vorstellung von unbedingter Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung, heute als humeane Kausalität bekannt, bedarf einer Revision und Anpassung für die Psychiatrie, und allgemein für die Medizin, hin zu einer Würdigung der Wahrscheinlichkeitserhöhung durch das Vorhandensein oder das Fehlen von befähigenden Bedingungen, aber auch durch Berücksichtigung der wissenschaftstheoretischen Implikationen der sogenannten „komplexen Kausalität“. Die jasperssche universale Kausalität bei psychischen Phänomenen kann demnach nur als schwache Kausalität (Wahrscheinlichkeitserhöhung des Eintretens eines Phänomens bei Vorliegen eines Faktors und Reduktion bei Entfernung dieses Faktors) und nicht als humeane Kausalität (monokausale Verursachung als notwendig und ausreichend zugleich) aufgefasst werden.

Wird die zweigliedrige psychiatrische Wissenschaftstheorie Jaspers‘, die in den Dichotomien objektive vs. subjektive Symptome, Verstehen vs. Erklären, Verstehbarkeit vs. Unverstehbarkeit, Prozess und Entwicklung unter anderem zum Ausdruck kommt (s. Tab. 1), um seine Ontologie erweitert, dann kann von einer logischen Dreigliedrigkeit gesprochen werden, denn zum Erklärenden und Verständlichen, als empirisch bezogen, gesellt sich  nun  das Erhellende, nämlich die auf Freiheit basierende Existenz, die als Totalität den empirischen Kategorien nicht zugänglich sein kann. Diese These wurde anschaulich von Kupke ausgearbeitet: „[Die Allgemeine Psychopathologie] kennt nicht nur das Seelische als das Verständliche, für das die Psychologie zuständig ist, und das Somatische als das Unverständliche, aber Erklärliche, für das die Biologie zuständig ist, sondern auch das Geistig-Transzendente (z. B. die Freiheit) als das ebenso Unverständliche, aber auch Unerklärliche, für das die Philosophie zuständig ist“ Kupke, 2008). Die jasperssche Ontologie wird in seinen Werken Psychologie der Weltanschauungen (1919) und in Philosophie II: Existenzerhellung (1932) ausgearbeitet, dabei neue Dichotomien einführend wie Existenz vs. Dasein, Erhellen vs. Erfassen, Weltsein vs. Menschsein, gegenständlich Seiendes vs. umfassende Totalität, Situation vs. Grenzsituation und Grenze vs. Sprung (Valdés-Stauber, 2016). Erst ab der vierten Auflage  der Allgemeinen Psychopathologie (1946 [1942]) kommt diese existenzerhellende Perspektive gebührend zum Tragen und begründet die beschriebene Dreigliedrigkeit; ab jetzt muss sich das Verstehen nicht nur gegen das Erklären, sondern auch gegen das Erhellen von Totalitäten als etwas Letztes (z. B. die Existenz) beweisen.

Der Ausgangspunkt: Objektive und subjektive Symptome

Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Symptomen (Wiggins & Schwartz, 1997), wie sie Jaspers schon am Anfang seiner programmatischen Publikation Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie aus dem Jahr 1912 vornimmt (s. Abb. 2).

Abbildung 2: Jaspers begründet mit seiner Unterscheidung zwischen subjektiven Symptomen (Erlebnisse) und objektiven Symptomen (wahrnehmbare klinische Zeichen, Erlebensausdruck) die Unterscheidung der heute sogenannten Erste-Person-Perspektive und Dritte-Person-Perspektive

 

 

Entsprechend dieser Unterscheidung wären objektive Symptome alle „in die sinnlich wahrnehmbare Erscheinung tretende Vorgänge“, die durch „Ausschaltung des Seelischen fast oder ganz zur Physiologie“ werden und rational in Form von Daten behandelt werden. Demgegenüber wären subjektive Symptome erstens „alle unmittelbar erfassten Gemütsbewegungen und inneren Vorgänge“, zweitens „alle seelischen Erlebnisse und Phänomene, die die Kranken uns schildern und die durch ihr Urteil und ihre Darstellung hindurch uns erst mittelbar zugänglich werden“, drittens „die seelischen Vorgänge, die aus Bruchstücken der beiden vorhergehenden Daten, aus Handlungen, Lebensführung usw. gedeutet, erschlossen werden“ (Jaspers, 1912). Jaspers vermittelt dabei den Eindruck, als seien es zwei getrennte Symptombereiche, aber auch zwei Seiten derselben psycho(-patho-)logischen Phänomene, wie etwa physiologische Müdigkeit vs. Ermüdungsgefühle. Die Diskrepanz oder Annäherung zwischen der physiologischen und der erlebten Dimension ist heute von größter Bedeutung in der psychosomatischen Diagnostik, was aber nicht im Sinne Jaspers‘ gemeint ist, denn er wollte vielmehr epistemologisch den denkenden bzw. rationalen Zugang vom sichhineinversetzenden bzw. miterlebenden Zugang zu psychopathologisch relevanten Phänomenen unterschieden wissen. Im nächsten Schritt differenziert Jaspers zwei Bereiche, die durch das Hineinversetzen in das Seelenleben des Anderen entstünden: zunächst die Phänomenologie als vorurteilslose Vergegenwärtigung, das heißt als unmittelbare Erfassung des Fremdseelischen, so wie es ist; dann das genetische Verstehen, „dieses eigenartige, nur auf Seelisches anwendbare Verstehen, für das Seelisches aus Seelischem mit Evidenz hervorgeht“. Diese Dichotomie wurde mit Rekurs auf Husserl, Brentano und Lipps – und nicht auf Dilthey, Weber und Simmel – im Jahr 1912 formuliert und in allen Auflagen der Allgemeinen Psychopathologie ab 1913 übernommen. Darin kann eine rationalisierende Intention gesehen werden, ähnlich wie bei der objektiven Psychologie, bei welcher es um die Gewinnung von verlässlichen Daten über seelische Vorgänge geht, weshalb eine scharfe wissenschaftstheoretische Trennung zwischen rationalem und emotionalem Zugang zum Seelenleben zu schematisch ausfällt, denn es besteht in beiden Ansätzen mehr Überlappung als Ausschließlichkeit. Diese Unterscheidung zwischen Phänomenologie und genetischem Verstehen wurde verschiedentlich erörtert (Glatzel, 1978; Blankenburg, 1984; Schmitt, 1979; Fuchs, 2008) und kann als eingebettet in einem Netzwerk von Dichotomien aufgefasst werden (s. Tab. 1).

Das statische und das genetische Verstehen bei Jaspers

Jaspers unterscheidet zwischen statischem und genetischem Verstehen (s. Abb. 3). Das statische Verstehen ist das Hineinversetzen in den Anderen mit dem Ziel, seelische Phänomene in ihrer Ursprünglichkeit und ohne Zugriff auf Zusammenhänge mit anderen seelischen Phänomenen zu erfassen. Diese Art des Hineinversetzens soll unterschieden werden von einem Hineinversetzen als Einfühlung, das den Zweck verfolgt, sinnhafte Zusammenhänge zwischen seelischen Phänomenen bzw. Erlebnissen durch „Miterleben“ zu erfassen im Sinne eines genetischen Verstehens. Wie beide in der Praxis unterschieden werden können, ist schwer nachvollziehbar, genauso wie die der Wissenschaftstheorie Jaspers zugrunde liegenden Annahmen einer Theoriefreiheit und der Möglichkeit einer zweifelsfreien Erfassung fremdseelischen Erlebens.

Abbildung 3: Die basale Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen kann auf der Seite des Verstehens weiter ausdifferenziert werden: dem statischen Verstehen wird die Aufgabe der deskriptiven Erfassung von psychopathologischen Phänomenen als Kategorien zugeteilt. Dem genetischen Verstehen wird die Aufgabe der Herausarbeitung von Sinnzusammenhängen zwischen psychopathologisch relevanten Erlebnissen bei einer Person und personalen Affektlagen, biographischen Konstellationen oder aktuell wirksamen Kontexten zugeordnet. Beide Formen des Verstehens bedienen sich der heuristischen Methode des Sichhineinversetzens.

Das statische Verstehen: Die psychopathologische Phänomenologie

Anhand des Konzeptes eines statischen Verstehens formuliert Jaspers mit Rekurs auf die husserlschen Forschungsansätze aus Logische Untersuchungen das Programm einer theorie- und vorurteilsfreien Phänomenologie psycho(-patho-)logischer Vorgänge. Dieses Programm sollte lediglich deskriptiv angelegt sein und das vermittels Vergegenwärtigung gewonnene Material (Wiggins & Schwartz, 1997) durch rationale Prozesse der Abgrenzung, der Ordnung und der Definition einer Typologisierung kongruenten Kategorien unterworfen werden: “Der erste Schritt zum wissenschaftlichen Erfassen – das muss doch zweifellos sein – ist hier ein Aussondern, Begrenzen, Unterscheiden und Beschreiben bestimmter seelischer Phänomene, die dadurch klar vergegenwärtigt und mit einem bestimmten Ausdruck regelmäßig benannt werden. Vergegenwärtigung dessen, was im Kranken wirklich vorgeht, was er eigentlich erlebt, wie ihm etwas im Bewusstsein gegeben ist, wie ihm zumute ist usw., ist der Anfang, bei dem zunächst von Zusammenhängen, vom Erleben als Ganzem, erst recht von Hinzugedachtem, theoretischen Vorstellungen ganz abzusehen ist“ (Jaspers, 1912, S. 395). Hier übernimmt Jaspers die von Plato bis Wittgenstein in der Philosophie aufgeworfene Frage der Kategorisierung und der Differenz zwischen den Kategorien (hier: psychopathologische Phänomene; dort: die Ideen, die Begriffe, die ursprünglichen Phänomene) und den Individuen (hier: die persönlichen Erlebnisse jedes einzelnen Patienten; dort: das ontische, die einzelnen Objekte, die jemeinige Erfahrung). In unserem heutigen psychopathologischen Befund in der Tradition Jaspers‘ wird einerseits versucht, von der Person zu abstrahieren und in übergeordneten Kategorien das psychopathologisch Relevante darzulegen, andererseits durch die reine, systematische Deskription anhand dieser Kategorien von Krankheitsannahmen oder Theorien des Erkrankens abzusehen, die in einem zweiten Schritt diskutiert werden dürfen unter Heranziehung objektiver Symptome und Kausalitätshypothesen. Stanghellini schlägt in Anlehnung an die Anthropologische Psychiatrie eine dritte Stufe vor: Strukturale Psychopathologie, welche auf hermeneutischem Wege sinnhafte psychopathologische Gebilde formuliert, ausgehend von der Annahme, dass die Vielfalt der psychopathologischen Phänomene bei einer psychischen Störung auf ein sinnhaftes Ganzes deutet; die interne Validität dieser „Daseinsstrukturen“ wäre gegeben durch deren „Sinn“ und die externe Validität durch deren „Bedeutung“ (Stanghellini, 2010).

Das genetische Verstehen: Verstehen der Zusammenhänge seelischer Erlebnisse

Während die phänomenologische Betrachtung nur das im Akt des Sichhineinversetzens Gegebene vergegenwärtigt, versucht das genetische Verstehen dahingehend Sinnzusammenhänge zwischen Erlebnissen und kontextuellen Momenten herzustellen, als es für jeden Menschen möglich wäre, sie durch Einfühlung zu rekonstruieren, weshalb bestimmte psycho(-patho-)logische Phänomene gerade aus damit zusammenhängenden emotionalen, biographischen oder situativen Kontexten hervorzugehen vermögen. Zum deskriptiven Moment kommt hier ein genetisches hinzu (s. Abb. 3). Jaspers unterscheidet drei Arten von Phänomenen: Zum einen diejenigen, die aus dem eigenen Erleben (des Arztes) bekannt sind; zum Zweiten Erlebnisse, die als Steigerungen, Herabsetzungen oder Mischungen selbsterlebter Phänomene zu erfassen sind; drittens, Phänomene, die der verstehenden Vergegenwärtigung unzugänglich sind, nur erreichbar durch Bilder und Analogien (Jaspers, 1912: 399-400). Das statische Verstehen kann als Vorbedingung für das genetische Verstehen fungieren, bleibt aber als transpersonale Formalisierung seelischen Erlebens von genetischen Interpretationen unberührt.

Die jasperssche Methode des genetischen Verstehens verweist auf das nicht weiter reduzierbare Phänomen der Verständlichkeit und stellt für die Psychiatrie vielmehr ein methodisches Instrument dar, um psychische Entwicklungen (Persönlichkeitsentwicklung) von psychischen Prozessen (Persönlichkeitsprozesse) zu unterscheiden, als eine geistige Einstellung, um grenzenlos in dem Strom von Lebensbedeutungen und Lebensäußerungen Sinnzusammenhänge zu finden, wie Dilthey es vom Verstehen, bezogen auf Lebensäußerungen, erwartete, oder Simmel es als Haltung einforderte: „Das Leben kann eben nur durch das Leben verstanden werden, und es legt sich dazu in Schichten auseinander, von denen die eine das Verständnis der anderen vermittelt und die in ihrem Aufeinander-Angewiesensein seine Einheit verkünden […] das Verstehen eines Innenlebens, ja gerade an den kontinuierlichen Verbindungen, Vereinheitlichungen der einzeln benennbaren Inhalte entlang geht“ (Simmel, 1918/1999, S. 178-9). Jaspers fasst in kanonischer Weise seine These folgendermaßen zusammen: „1. Durch Hineinversetzen in Seelisches verstehen wir genetisch, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht; 2. Durch objektive Verknüpfung mehrerer Tatbestände zu Regelmäßigkeiten auf Grund wiederholter Erfahrungen erklären wir kausal. Das Verstehen von Seelischem aus anderem Seelischen nennt man auch psychologisches Erklären […] Man hat die verständlichen Zusammenhänge des Seelischen auch Kausalität von innen genannt und damit den unüberbrückbaren Abgrund bezeichnet, der zwischen diesen nur gleichnisweise kausal zu nennenden und den echten kausalen Zusammenhängen, der Kausalität von außen, besteht.“ (Jaspers, 1973, S. 250).

Die zentralen Fragen, die sich dabei stellen, sind: erstens, was genau verstanden werden soll, und zweitens, wie das „Sichhineinversetzen“ als Erfassen fremdseelischen Erlebens legitimiert werden kann. Wenn man Jaspers richtig interpretiert, wird ein psychopathologisches Phänomen, etwa eine ungerichtete Angst, eine phobische Vermeidung oder eine pädophile Tendenz genetisch verstanden – und dadurch eine „Kausalität von innen“ hergestellt – , wenn dieses psychopathologische Phänomen über die Wege des Ein-Fühlens und des Mit-Fühlens in kongruenten Bezug gesetzt wird zu anderen seelischen Zuständen, zu relevanten psychosozialen Umständen oder zu einem biographischen Werden; dabei wird das vom Patienten Erlebte vom Psychiater identisch nachempfunden als eine Art resonanzfähige Reproduzierbarkeit (s. Abb. 4).

Abbildung 4: Nur was verständlich ist, kann einer synthetischen Leistung des Verstehens als Erfassung eines sinnhaften Ganzen von Zusammenhängen unterworfen werden. Was unverständlich ist, muss einem analytischen, das heißt zergliedernde Prozess des Erforschens dahinter stehenden Kausalzusammenhänge unterworfen werden. Verstehen erfolgt durch einen Doppelprozess zum und aus dem Patienten als ein Einfühlen und als ein Nachempfinden, die voneinander nicht trennbar sind.

 

 

Dieser Prozess scheint auf eine emotionale Identifikation als Resonanzraum für den Patienten als auch auf eine rationale Rekonstruktion von Sinnzusammenhängen aus Stimmungen, Motivationen oder Lebensumständen hinzudeuten, was im Widerspruch zu der Behauptung Jaspers steht, dass es sich hier um ein emotionales statt um ein rationales Phänomen handeln sollte. Später unterscheidet Jaspers zwischen einem rationalen Verstehen, welches sich auf die logische Struktur des Gesprochenen beziehen würde, und einem Verstehen des Sprechers, so der Zusammenhänge zwischen psychopathologischen Erlebnissen und Stimmungen, Wünschen und Befürchtungen eines Patienten. In einem weiteren Schritt verlässt Jaspers die Möglichkeit des persönlichen, idiographischen Verstehens zugunsten einer nomothetischen Betrachtung der Modi des genetischen Verstehens: „Kausalregeln sind induktiv gewonnen, gipfeln in Theorien, die etwas der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit zugrunde Liegendes denken. Unter sie wird ein Fall subsumiert. Genetisch verständliche Zusammenhänge dagegen sind idealtypische Zusammenhänge, sind in sich evident (nicht induktiv gewonnen), führen nicht zu Theorien, sondern sind ein Maßstab, an dem einzelne Vorgänge gemessen und als mehr oder weniger verständlich erkannt werden“ (Jaspers, 1973, S. 252). Diese an Weber angelehnten Idealtypen der verständlichen Zusammenhänge entfernen sich von der lebensphilosophischen Einstellung Nietzsches, die Jaspers ursprünglich inspirierte, und verweisen auf einen Rationalismus, der die Evidenz des Urphänomens der Verständlichkeit begründen sollte. Das „empirische Verstehen“ weicht einem „umfassenden Verstehen“, das die Form eines jeweils geistigen, metaphysischen und existentiellen Verstehens annimmt und das wissenschaftliche Erfassen durch ein philosophisches Erhellen ersetzt: „Das Verstehen hört auf vor der Wirklichkeit der Existenz, dessen, was der Mensch eigentlich als er selbst ist“ (Jaspers, 1973, S. 302). Bedauerlicherweise opfert Jaspers hiermit den Weg einer narrativen Hermeneutik der Einmaligkeit, die Zusammenhänge zwischen Erlebnissen und Kontingenzbedingungen – vor allem aus dem je individuellen biographischen Werden – als um einen Sinn geordnet zugunsten einer Metaphysik des Daseins als Existenz durch die Überwindung abstrakter Grenzsituationen (Jaspers, 1932, S. 201-7). Die Unterscheidung zwischen Verstehen und Erklären hat Jaspers vermutlich auf Grund der unzulänglichen Vereinfachung versucht zu differenzieren und durch Einführung neuer Verstehensdichotomien und -abgrenzungen (s. Tab. 1) zu nuancieren. Diese weitere Differenzierung ist nicht frei von Widersprüchen, allem voran zwischen emotionaler Partizipation und rationaler Rekonstruktion und zwischen hermeneutischem Verstehen und psychiatrisch-psychotherapeutischer Interpretation.

Tragweite des Unverständlichkeitstheorems als logische Folge der Grenze des Verstehens

Die Methode des Verstehens wird zu einem Theorem – dem Unverständlichkeitstheorem – in dem Moment, in welchem die heuristische Bedeutung überstiegen wird, um im Rahmen einer Theorie des psychischen Erkrankens und deren Erfassung die Methode dazu dienen sollte, ontologische Aussagen zu machen, das heißt zu bestimmen, welche Natur eine bestimmte psychische Erkrankung in Abhebung von anderen besitzt und diese etwas Letztes ausmacht. Wie bereits dargestellt, scheint es in der Epistemologie Jaspers‘ gesetzt zu sein, dass das Erklären von unverständlichen psychischen Phänomenen dort ansetzt, wo das Verstehen aufhört bzw. unzulänglich wird. Jaspers ist damit konfrontiert, kategorische Feststellungen von graduellen Übergängen und Überlappungen zu unterscheiden. Diese Herausforderung kann er nicht befriedigend lösen, weil er an einander sich ausschließenden Kategorien festhält, sowohl im ontologischen als auch im epistemologischen Sinne. Anschließend wird versucht, das Unverständlichkeitstheorem durch die Herausarbeitung impliziter Annahmen zu definieren und gleichzeitig deren Grenzen aufzuzeigen:

  1. Verstehen meint bei Jaspers unidirektional den Verstehenden, ohne den Verstandenen interaktionell einzubeziehen, sondern ihn als „Verstehensobjekt“ zu betrachten.
  2. Das jasperssche Unverständlichkeitstheorem differenziert zwischen Inhalt (die ganz persönlichen Erlebnisse) und Form (die übergeordneten psychopathologischen Kategorien). Gerade die genuine „seelische Arbeit“, die Psychotherapie, hat ihre Berechtigung im „Erhellen“ (um einen Begriff aus der Ontologie Jaspers‘ zu verwenden) der Erlebnisse als Träger von persönlichen Bedeutungen.
  3. Unverständlichkeit zielt auf die „echten“ Wahnideen bzw. auf den „bizarren Wahn“ ab (Jaspers, 1973: 80). Es entsteht der Eindruck, als hätte Jaspers schon von vornherein definiert, was echte Wahnideen und wahnhafte Ideen, Prozess und Entwicklung seien, sprich wo die biologische Determination beginnt, und sich erst danach des heuristischen Begriffs der Verständlichkeit bedient, um methodologisch jene Unterscheidung zu legitimieren.
  4. Was unverständlich oder verständlich ist, kann kontext-, kultur- oder bildungsabhängig sein, wie die Kritik des Unverständlichkeitstheorems in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat (Spitzer, 1989). Jaspers meint das Verstehen in seinem Unverständlichkeitstheorem als kategorisch, das heißt unabhängig vom persönlichen Bedingungsgefüge des Verstehenden.
  5. „Verständlichkeit“ begrenzt sich nach Jaspers auf eine emotional begründete Intuition. Andere Formen der Verständlichkeit werden ausgeblendet, wenngleich Jaspers selbst rationale Momente in verschiedenen Abschnitten seines Werkes anklingen lässt, wie etwa, wenn von evidenten, idealtypischen Zusammenhängen des genetisch Verstandenen die Rede ist (Jaspers, 1973, S. 252).
  6. Verständlichkeit ist nach dem Unverständlichkeitstheorem eine dichotome Kategorie. In Wirklichkeit dürfte das Verstehen ein graduelles Phänomen darstellen, denn das Nachvollziehen realisiert sich progressiv, nicht zuletzt in Abhängigkeit von der Einstellung und vom Informationsgrad, ist also primär eine empirische Kategorie.
  7. Verständlichkeit wird von Jaspers in seinem Unverständlichkeitstheorem als erkenntnistheoretisches Kriterium hypostasiert. Es ist aber empirisch belegbar, dass das Verstehen relational geschieht, nämlich in Abhängigkeit von Kontextbedingungen.
  8. Ein zentraler Aspekt des Unverständlichkeitstheorems liegt darin, dass im Sinne Jaspers‘ Verstehen intuitiv erfolgt, das heißt unmittelbar. Kritisch angemerkt werden kann, dass die Vergegenwärtigung – als zentraler Begriff Jaspers‘ in Anlehnung an Husserl – abhängig ist von der Symbolisierungsfähigkeit des Verstehenden, der sich auch an Metaphern über das fremdseelische Erleben bedienen muss, sowohl um es zu erfassen als auch um darüber zu kommunizieren, womit Symbolisierung eine Grundbedingung der Psychotherapie darstellt.
  9. Als etwas Letztes – wie Jaspers es auffasst – ist das Verstehen prinzipiell und bei allen gleich möglich (auch der Wahnhafte versteht sich selbst innerhalb seines Wahnhorizonts, wie Jaspers selbst betont). Wie aus der Forschung der Arzt-Patient-Beziehung jedoch inzwischen bekannt, hängt  der Grad des Verständnisses eines Erlebens oder eines Verhalten mit der Persönlichkeit, dem Menschenbild, der Empathiefähigkeit und mit dem Grad des Sicheinlassens seitens des Verstehenden zusammen.
  10. Verstehen ist nach Jaspers allem voran eine Form des empathischen „Ergriffenseins“, wenngleich das Moment des „Begreifens“ basaler zu sein scheint, vor allem wenn die Rede ist von „unerklärlich“ oder „unverständlich“. Dieses Begriffen-werden-Können drückt sich in der Kommunizierbarkeit und  in der Zuordnung zu jeweiligen „idealtypischen Zusammenhängen“ aus.
  11. Schließlich geht Jaspers davon aus, dass „Verstehen“ abhängig ist von „normalerweise verständlich bedingten (gesunden) Seelenvorgängen“ (Jaspers, 1912: 399), was sicher richtig ist; es gibt aber eine weniger wissenschaftliche, dennoch in der zwischenmenschlichen Verständigung relevante Tatsache, die des Sich-pathisch-Einlassens, welches auf eine andere Art von Disposition hinweist, nämlich auf eine kommunikative, eine Zweite-Person-Perspektive einnehmend.

Die erste und die letzte Annahme samt deren Kritik verweisen auf die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der jaspersschen Erkenntnistheorie in der Psychiatrie: In der leiblich geteilten Welt mit einem personalen Gegenüber als psychisch krankem Menschen geht es –mit den Worten Blankenburgs – weniger um „Verstehen“, sondern vielmehr um „Verständigung“ oder „Sich-verständigen-auf“; das bedeutet in letzter Konsequenz, dass dem Verstehenden (Psychiater, Psychotherapeutin, Pfleger, Sozialarbeiterin, Seelsorge etc.) weniger daran gelegen ist, sich den Gegenüber anzueignen als eine tragende Kommunikation in einem Zwischenbereich zwischen dem Realitätsbewusstsein des Patienten und dem Realitätsbewusstsein des Helfenden entstehen zu lassen.

Vom Unverständlichkeitstheorem zum Verständigungsgebot

Jaspers rezipiert den seinerzeit herrschenden Methodenstreit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften und versucht die Debatte für die Psychiatrie fruchtbar zu machen. Allerdings werden die philosophischen Aspekte erst etwa 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Allgemeine Psychopathologie ausgearbeitet, die sein dreibändiges Werk Philosophie – insbesondere Existenzerhellung - berücksichtigt sowie Beiträge von frühen als auch späten Werken von Simmel, Weber und Dilthey, auch wenn seine Quellen kaum erörtert werden. Jaspers entkommt letztlich der Dichotomie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften deshalb nicht, weil er von einer letztlich biologischen Grundlage mancher psychischer Krankheiten (z.B. Schizophrenie) ausgeht, wodurch die Anwendung einer naturwissenschaftlichen Methode auf der Basis einer Kausalitätsannahme geboten sei. Dem Erleben Gesunder näher stehende psychopathologische Phänomene werden einem „psychologischen Erklären“, ähnlich der diltheyschen Strukturpsychologie, die versucht, durch Verstehen eine Sinnbrücke zwischen Geist bzw. Erleben und Lebensäußerungen zu schlagen, zugänglich gemacht. Jaspers verleiht dem Seelischen von Innen eine prominente Bedeutung, denn seit Jaspers gewinnen die Äußerungen der Patienten über ihr sonst nicht zugängliches Innenleben eine radikale empirische Bedeutung, die für seine Zeit keinesfalls selbstverständlich und nur möglich war durch eine Reinterpretation des husserlschen „Phänomen“-Begriffes für die Psychiatrie. Dieses intellektuelle Projekt des Aufbaus einer empirisch begründeten deskriptiven Psychopathologie als Grundlagenwissenschaft der Psychiatrie hatte natürlich seinen Preis: Jaspers verlässt die für die Psychotherapie unerlässliche idiographische Perspektive und übernimmt eine nomothetische in Form von abstrakten psychopathologischen Kategorien als Idealtypen, nah an der weberschen Wissenschaftstheorie, allerdings ohne seinen Vorschlag der Verschränkung zwischen Verstehen und Erklären mit zu übernehmen.

Jaspers hat den späteren Generationen ein bestechendes wissenschaftstheoretisches Gebäude für die Psychiatrie hinterlassen, welches unkritisch übernommen, ohne auf den historischen Entstehungskontext zu achten, zu Entwicklungshemmnissen in der Psychiatrie führen könnte, allem voran seine (Schein-)Dichotomie zwischen Verstehen und Erklären als auch das Unverständlichkeitstheorem als Prüfstein für echte Wahnideen. Seine Ablehnung des Unbewussten im Sinne der Psychoanalyse als „Außerbewusstes“, denn Erleben sei ein bewusster Vorgang, knüpft an die damalige rationale Therapie Iserlings (1910) und Dubois‘ (1913) an und schließt bei Jaspers in merkwürdiger Weise alle seelischen Phänomene aus, die nicht dem Bewusstsein zugänglich sind, als ob sie nicht nur unbemerkt, sondern inexistent wären, wodurch das Sichhineinversetzen eine bemerkenswerte rationale Stilisierung des unmittelbar genuin Emotionalen darstellt. Dieser latente Rationalismus durchdringt letztlich sowohl seine Wissenschaftstheorie als auch seine Metaphysik der Existenz, eine Haltung die ganz besonders deutlich wird in der Rangordnung zwischen Verstehen und Erklären: Das Verstehen finde überall Grenzen, das Erklären dagegen keine, wodurch das kausale Erklären das Verstehen überdeterminiere, worauf Kupke zu Recht hinweist: „Nicht das Verstehen ist das Ursprünglichere und primäre, nicht das Verstehen übergreift das Erklären, so dass auch das Unerklärliche noch verstanden werden könnte, sondern das Erklären übergreift das Verstehen, so dass auch das Unverständliche noch erklärt werden kann“ (Kupke, 2008). Eine Umkehrung dieser Perspektive vollzieht Glatzel, wenn er behauptet: „Das herkömmliche Unterscheiden zwischen Erklären und Verstehen in der Psychopathologie erweist sich damit als ungerechtfertigt: Verstehen als ein intuitives Erfassen von Möglichkeiten der Deutung gehe dem Erklären als diskursiv-kritisches Prüfen voraus, indem der Suchende im Sinne rationaler methodischer Prüfung seine intuitiven Deutungen überdenke“ (Glatzel, 1981, S. 69).

Das Verstehen, so bedeutungsvoll für die Nachvollziehbarkeit der seelischen Phänomene bei Dilthey und Simmel – bei Dilthey als Hermeneutik, bei Simmel als projektive Partizipation –, verliert letztlich an Bedeutung in dieser Hierarchisierung, die einen Bruch in der methodischen Gleichberechtigung darstellt. Diese erfährt dadurch einen weiteren Rückschlag, als dass die vermeintliche zweigliedrige Logik zwischen Erklären und Verstehen in Wahrheit eine dreigliedrige ist, wie Kupke hervorhebt, denn das menschliche Leben als Ganzes sei dem Verstehen unzugänglich (s. Abb. 5).

Abbildung 5: Dem Verstehen sind in zweierlei Richtungen Grenzen gesetzt: zum einen bei erklärbaren biologischen Prozessen (Charakter, organische psychische Störungen, endogene Psychosen), zum anderen hinsichtlich der Totalität des Daseins als Existenz, die nicht erklärt werden kann, sondern erhellt werden muss.

 

 

Jaspers formuliert diese Grenzen selbst als dreifach: erstens, die Wirklichkeit des empirischen Charakters; zweitens, die organischen Krankheiten und die Psychosen; und drittens, die Wirklichkeit der Existenz, dessen was ein Mensch als er selbst ist (Jaspers, 1973, S. 302). Dem Verstehen räumt er davor wichtige Aufgaben ein: Das Verstehbare bewege sich in der Selbstreflexion, insbesondere was die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit angehe; die Persönlichkeit sei Jaspers zufolge eine Verdichtung des Verstehbaren bei einem Menschen, „Das Ganze der verständlichen Zusammenhänge“, womit die Unterscheidung zwischen verstehbarer „Persönlichkeitsentwicklung“ und erklärbarem „Persönlichkeitsprozess“ als Bruch in der Sinnkontinuität begründet wird. Leider bleibt Jaspers dem Verstehensbegriff gegenüber sehr ambivalent, was deutlich wird in seiner teilweise widersprüchlichen Beschreibung der „Grundgesetze des psychologischen Verstehens und der Verstehbarkeit“ (Jaspers, 1973, S. 296-302). Jaspers engt den Verstehen-Begriff ambivalent auf eine heuristische Methode ein, wenngleich die Intention des Verstehens auf die Qualität menschlicher Begegnung hinweist und nach einer Hermeneutik der Kommunikation verlangt. Diese ist Grundlage der Psychotherapie, gar Psychotherapie selbst. Kommunikation ist für Jaspers ein philosophischer Sachverhalt, den er im Rahmen seiner Auffassung von „Selbstsein als Freiheit“ (Jaspers, 1932, S. 149-200) im Sinne einer „existentiellen Kommunikation“ (Jaspers, 1932, S. 50-117) auslegt, wodurch Psychotherapie als Haltung (Schlimme et al. 2012; Schlimme, 2013) eine dürftige Aufgabe als diätetische Lebensführung übrig bleibt, weshalb eine Übersetzung der in der Existenzphilosophie ausgearbeiteten Begriffe wie „existentielle Kommunikation“, „Gehäuse“, „Überwindung von Grenzsituationen“, „Selbsterhellung“ für die Praxis der Psychotherapie geboten ist (Valdés-Stauber, 2016). Dadurch bleibt die semantische Breite des Verstehens als präreflexive Disposition und als interpersonelle Haltung unerforscht, heute revitalisiert in der Frage, was Empathie sei, wie sie entsteht und gesteuert werden kann, welcher ihr Bezug zur Deutung ist (Stanghellini, 2013), wie direkt oder indirekt sie sich einen Zugang zum Gegenüber verschafft (Oulis, 2014), wie weit sie das fremdseelische Verstehen legitimieren kann und ob eine allgemeine zwischenmenschliche Empathie von einer phänomenologisch verstandenen „radikalen Empathie“ unterschieden werden kann (Ratcliffe, 2012).

Das Verstehen findet überall Grenzen, bei psychopathologisch relevanten Phänomenen ohnehin, so Jaspers. Da das Verständliche schwer in positiver Weise zu definieren ist, da es sich an verschiedenen Fronten behaupten müsste, kann postuliert werden, dass die Betonung der erkenntnistheoretischen Tragweite des Unverständlichen für die Psychiatrie letztlich ein Anstoß dafür sein könnte, das Verstehen neu zu besetzen, am ehesten in einer anthropologischen Hinsicht, denn Psychiatrie und Psychotherapie belegen, wie entscheidend für die Wirksamkeit der Psychiatrie und Psychosomatik die Interpersonalität, die Kommunikation, das Vertrauen und die Anschlussfähigkeit sind. Heute geht es in der praktischen Psychiatrie und Psychotherapie weniger um ein erkenntnistheoretisches Verstehen fremdseelischen Erlebens als Dekodierung, sondern vielmehr um das Zustandebringen einer therapeutisch wirksamen Anschlussfähigkeit an die personalen Welten als idiosynkratrisch ausgestaltet, allem voran die Wahnwelten, die nicht erschlossen, sondern gewürdigt werden sollten. Unverständlichkeit im jaspersschen Sinne festzustellen ist letztlich ein Anlass dafür, die eigene Haltung zu reflektieren. Das Unverständliche ist nicht das logisch oder grammatikalisch Inkohärente, nicht das Missverstandene, nicht das Inhaltsleere, wie Forscher der Unverständlichkeit betonen (Heinimaa, 2003; Hatzberg, 2001), sondern die andersartige personale Welt, womit die daseinsanalytische Betonung der Kommunikation statt der Entschlüsselung von Bedeutung entscheidender sein dürfte, um die Einsamkeit des Wahnkranken (Eirund, 2009) abzumildern. Blankenburg kann zugestimmt werden, dass die Unidirektionalität des jaspersschen Verstehens wohl übersieht, dass es bei der realen, in der jemeinigen Lebenswelt verankerten und als notwendig erachteten Kommunikation eine Bidirektionalität impliziert, die von einer Aneignung des Anderen absieht und auf eine Verständigung (Blankenburg, 1983) im Sinne einer lebensweltlichen Partizipation jenseits einer psychologischen Entschlüsselung von Motiven und sinnhaften Kontexten abzielt. Eine Rationalität von Gründen wird durch eine Moralität der heilsamen Begegnung und Annahme ersetzt, die von linguistischen und logischen Bestrebungen absieht zugunsten einer anthropologischen Konstitution eines Zwischen von pathisch Geteiltem im realbewusstem Geschiedenem.

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Tabelle 1:Jasperssche philosophische, wissenschaftstheoretische und psychopathologische Kategorien. Das Verstehen in opponierenden Begriffspaaren sollte eine Annäherung des semantischen Feldes von „Verstehen“ bei Jaspers darstellen.

I. Philosophische Dichotomien bei Jaspers

Empirische Wissenschaften

Philosophie

Weltsein

Menschsein

Dasein

Existenz

Tatsächlichkeit der Natur

Einmaligkeit der Existenz

Gegenstand

Phänomen

Gegenständlich Seiendes

Umfassende Totalität

II. Wissenschaftstheoretische Dichotomien bei Jaspers

Mannigfaltigkeit der Methoden

Idee des Ganzen

Methodenpartikularismus

Methodenkomplementarität

Erfassen und Erkennen

Erhellen

Verstehen und Erklären

Beschreiben

Analyse

Anschauung

Erklären

Verstehen

Verstehbarkeit

Unverstehbarkeit

III. Psychopathologische Dichotomien bei Jaspers

Objektive Symptome

Subjektive Symptome

Prozess

Entwicklung

Schub

Krise

Echte Wahnideen

Wahnhafte Ideen

IV. Verstehensdichotomien bei Jaspers

Psychologisches Verstehen

Umfassendes Verstehen

(geistiges, existentielles, metaphysisches Verstehen)

Statisches Verstehen

Genetisches Verstehen

Phänomenologisches Verstehen

Anschauungsverstehen

Rationales Verstehen

Einfühlendes Verstehen

Verstehen

Deuten

Abbildung 1: In der diltheyschen Auffassung sind in allen Lebensmanifestationen Sinnzusammenhänge zu finden, Kausalzusammenhänge könnten dem Verstandenen folgen. Bei Jaspers sind alle psychischen Phänomene kausal erklärbar, hier gäbe es keine Grenzen; nur Teilbereiche der Erlebnisse sind Jaspers zufolge primär verstehbar.

Abbildung 2: Jaspers begründet mit seiner Unterscheidung zwischen subjektiven Symptomen (Erlebnisse) und objektiven Symptomen (wahrnehmbare klinische Zeichen, Erlebensausdruck) die Unterscheidung der heute sogenannten Erste-Person-Perspektive und Dritte-Person-Perspektive

 

Abbildung 3: Die basale Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen kann auf der Seite des Verstehens weiter ausdifferenziert werden: dem statischen Verstehen wird die Aufgabe der deskriptiven Erfassung von psychopathologischen Phänomenen als Kategorien zugeteilt. Dem genetischen Verstehen wird die Aufgabe der Herausarbeitung von Sinnzusammenhängen zwischen psychopathologisch relevanten Erlebnissen bei einer Person und personalen Affektlagen, biographischen Konstellationen oder aktuell wirksamen Kontexten zugeordnet. Beide Formen des Verstehens bedienen sich der heuristischen Methode des Sichhineinversetzens.

Abbildung 4: Nur was verständlich ist, kann einer synthetischen Leistung des Verstehens als Erfassung eines sinnhaften Ganzen von Zusammenhängen unterworfen werden. Was unverständlich ist, muss einem analytischen, das heißt zergliedernde Prozess des Erforschens dahinter stehenden Kausalzusammenhänge unterworfen werden. Verstehen erfolgt durch einen Doppelprozess zum und aus dem Patienten als ein Einfühlen und als ein Nachempfinden, die voneinander nicht trennbar sind.

 

Abbildung 5: Dem Verstehen sind in zweierlei Richtungen Grenzen gesetzt: zum einen bei erklärbaren biologischen Prozessen (Charakter, organische psychische Störungen, endogene Psychosen), zum anderen hinsichtlich der Totalität des Daseins als Existenz, die nicht erklärt werden kann, sondern erhellt werden muss.

 

Authors’ information:

PD Dr. med. Juan Valdés-Stauber

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Psychosomatische Medizin


Ärztlicher Leiter der Klinik Psychosomatik, Neurologie und Psychiatrie Weissenau, Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm

Schwerpunkte: Biographik, Wissenschaftstheorie, Anthropologie und Versorgungsforschung.

 

Weingartshofer Str. 2

88214 Ravensburg

 juan.valdes-stauber@zfp-zentrum.de

Tel.: +49 151 46156902

 

 

 

 

 

 

 




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