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Deutsch

Überraschung, Verwunderung, Erstaunen, Erschrecken


Erich Wulff
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 1 (2008), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Der Essay zeichnet stichwortartig das Nachdenken über Phänomene wie Überraschung, Erstaunen und Verwunderung von den Anfängen der Philosophie bis heute nach, beschreibt den dialektischen Prozess von Verwunderung und Entwunderung in der Wissensgeschichte und versucht schließlich Erstaunen und Verwunderung auch in Psychoseerfahrungen wiederzufinden.

Schlüsselwörter: Erstaunen, Überraschung, Psychose

Abstract

Surprise, Amazement, Astonishment, Affright
This essay thematizes the phenomena 'surprise', 'amazement' and 'astonishment' in various aspects. On the one hand the philosophical understandings of these phenomena are described, starting with the beginning of philosophy and ending with contemporary philosophical understandings. Further more the dialectic process of 'being amazed' and of 'being not amazed any more' is spelled out, especially with regard to a history of knowledge. At last the essay tries to detect the phenomena of 'surprise' and 'astonishment' in psychotic experiences.

Key words: astonishment; surprise; psychosis

1.

Überraschung, Verwunderung, Erstaunen, Erschrecken: alle diese vier Begriffe umschreiben den Eintritt eines aus dem gewohnten Rahmen fallenden, unerwarteten, oft plötzlich und unvermittelt eintretenden Ereignisses. Es handelt sich dabei um etwas, was man nicht selber willentlich und wissentlich hervorgerufen und auch nicht vorausgesehen hat, also nicht um das Ergebnis einer eigenen Intention. Selbst wenn es aus einer eigenen Handlung entspringt, annulliert es deren ursprüngliche Absicht und setzt ein ganz anderes Ergebnis an ihre Stelle. Es integriert sich auch nicht spontan, als eines seiner Momente, in die Kontinuität des bisherigen eigenen Lebensflusses, sondern reißt diesen vielmehr für einen Augenblick ein. Uns bleibt der Mund offen stehen. Für einen kurzen Moment sind wir wie gelähmt, wie erstarrt. Das ist zumindest bei uns Menschen der Moderne so. Homers Helden (Homer, 2005, XXII, 369) hingegen scheinen noch von einem Erstaunen ins andere, von einer Überraschung in die andere zu fallen, so dass für sie das wirkliche Eintreten des Erwarteten eher die Ausnahme, das Verwunderliche bildet.

Für Platon (Platon, 2007, 155 D) ist das Staunen, thaumazein, der Anfang, ja der Ursprung jeglicher Philosophie, eine These, die Aristoteles (Aristoteles, 1982, 2, 12) in seiner Metaphysik aufgreift. Das griechische Wort hat, dem Historischen Wörterbuch der Philosophie von Ritter und Gründer (Ritter & Gründer, 1999) zufolge, eine enge sprachliche Verwandtschaft mit dem Wort Theoria. Verwundertes, bewunderndes Staunen ist aus dieser Sicht somit eine lehrreiche Erfahrung. Von der stoischen Philosophie, von Zenon, Cicero bis Horaz (Horaz, 2006, 1,6,1) wird es hingegen verworfen, "nil admirari" ist die Haltung, die der denkende Mensch anstreben soll. Für Kant (Kant, 1766, A 98) ist es angesichts des Erhabenen – "des gestirnten Himmels über mir und des moralischen Gesetzes in mir" – angebracht, und für Husserl (Husserl, 1989) ist der Wechsel von den natürlichen zu einer philosophischen Einstellung, die einen staunen lässt, zunächst ein Akt der Bewusstseins, eine willkürlich herbeigeführte Entscheidung. Erst in seinem Spätwerk fragt er danach, was einen dazu bewegt, also nach seiner Motivation, und er stößt dabei auf "das Fremde", das in die lebensweltliche Ordnung der "Heimwelt" einbricht und sie in Frage stellt. Nach Heidegger hat die Philosophie ihren Ursprung ebenfalls im Staunen. Jedoch hätte sie ihn, so sagt er, schon seit ihren Anfängen allzu schnell hinter sich gelassen, um sich dem zuzuwenden, was er alles eröffnet, und er beschreibt den Weg, den sie dabei genommen hat, als die Geschichte des Denkens der Metaphysik (Heidegger, 2004, S. 177-202) Das metaphysische Denken, nach seiner Definition das Denken des "Seins des Seienden", nimmt somit das Staunen selbst zwar als Motor in Anspruch, der es immer weiter vorwärts treibt, ohne sich aber über dessen eigenes Wesen Gedanken zu machen. Nur bis hin zu den Vorsokratikern (Heidegger, 1992 u. 1994; Theunissen, 1981) fänden sich noch einige bruchstückhafte Hinweise darauf: Das in Erstaunen setzende ist für diese ersten abendländischen Denker nach Heideggers Lesart nämlich noch das Sein selbst. Dessen Zurücklassen in der "Selbstverborgenheit" durch das metaphysische Denken ist jedoch für Heidegger keine bloße Vernachlässigung. Vielmehr ist es gerade der Preis für alles das, was es diesem Denken zu enthüllen erlaubt. Zur Enthüllung des Sicht, Vorherseh- und Planbaren, der "Wahrheit" der Welt also, gehört notwendigerweise der ständige Vorgang des Wiederverschwindenlassens der Verwunderung, die zum Offenbarwerden dieser Wahrheit erst Anlass gab. Etwas flapsig ausgedrückt: die Verwunderung mündet mit dem Ende des von ihr provozierten Enthüllungsprozesses schließlich ein in die Entwunderung des Entdeckten, womit das Wunder zugleich für einen nächsten Akt der Verwunderung freigesetzt und damit wieder verfügbar wird.

2.

Eine solche von Heidegger angestoßene Überlegung ist weniger verblasen und weniger abstrakt als sie sich im ersten Durchgang anhört. Eher erscheint sie für einen philosophischen Gedanken zu banal. Wir erfahren ja fortlaufend, dass Ereignisse und ihre Zusammenhänge, die uns eben noch in Staunen, Verwunderung, Überraschung versetzt hatten, immer durchschaubarer werden, wenn nicht für uns selbst, so doch für Fachleute denen wir vertrauen, und mit der Zeit werden sie auch immer vorhersehbarer und selbstverständlicher. Das Feuer; die Wasserkraft; die Elektrizität; die Atomenergie. Das Dampfschiff; die Eisenbahn, das Flugzeug; die Mond- und die Weltraumrakete. Das Telefon; der Telegraf, der Funk. Die ständige Erreichbarkeit über ein Handy. Die Wettervorhersage. Der Computer, das Internet. Die gesamte virtuelle Welt schließlich. "Der Mensch gewöhnt sich rasch an die Wunder, die er selber vollbringt" sagt Francois Mauriac (Mauriac, 2008). In dieser fortlaufenden Entwunderung, Max Weber spricht schließlich von einer "entzauberten Welt" (Weber, 1999), unterscheiden wir zwei Momente: die Enthüllung der Zusammenhänge durch denjenigen, der sie entdeckt, und dann, darauf folgend, deren Diffusion an alle und jeden, also deren zunehmende Vergesellschaftung. Ein für alle Male beschrieben und allen bekannt sind sie schließlich nicht mehr der Rede wert. In ihrer so erworbenen stummen Unaufdringlichkeit gehen sie ein in die Selbstverständlichkeiten des lebensweltlichen Alltagsgebrauches, werden sie, in Heideggers Terminologie, zu Momenten einer nur noch zu besorgenden Welt der Zuhandenheit (Heidegger, 1949, S. 69ff). Das Staunenswerte, Verwunderliche verschwindet – taucht aber an anderer Stelle wieder auf.

3.

Wir können einen solchen Prozess auch im Fortgang der Wissenschaft unter kontrollierten Bedingungen, gewissermaßen unter einer Lupe beobachten. Klaus Holzkamp beschreibt in seinem Werk "Wissenschaft als Handlung" (Holzkamp, 2006, S. 81-84) wie die Wissenschaft sich ein Segment aus der lebensweltlichen Wirklichkeit ausschneidet oder gar eine neue, künstliche Wirklichkeit –die Experimentalbedingungen - herstellt und ein Netz theoretischer Behauptungen darüber wirft, deren Gültigkeit sie dann im Experiment überprüft. Unter den so festgelegten Bedingungen muss dann dies und jenes passieren. Misslingt dies, so bleibt als erster Ausweg die "Wirklichkeit" – d.h. die experimentellen Bedingungen – so umzukonstruieren, dass die theoretischen Behauptungen sich im Experiment doch noch bestätigen lassen. Es kann sich aber auch herausstellen, dass keine der konstruierbaren Wirklichkeiten mit dem System theoretischer Behauptungen, das man an sie heranführt, zur Übereinstimmung zu bringen ist. Man stößt in einem solchen Falle auf eine derartige Widerborstigkeit der Wirklichkeit, dass sie nur noch die Wahl lässt, vor ihrer Unvorhersehbarkeit zu resignieren oder aber die eigenen theoretischen Voraussetzungen über Bord zu werfen und sie durch neue zu ersetzen. Das heißt: angesichts der Tücke auch seiner durch den Konstruktionsprozess der Wirklichkeit schon ein Stück weit gezähmten Objekte muss der Wissenschaftler sich immer wieder schlaglichtartigen Phasen erstaunter, ja verblüffter Ratlosigkeit aussetzen. Auch hier werden das Erstaunen und die Ratlosigkeit angesichts derartiger Widerborstigkeiten jedoch nicht thematisiert, sondern durch ihre schließliche Überwindung hinter sich gelassen. Die Dialektik von Verwunderung und Entwunderung ist also auch in den Wissenschaftsprozess mit eingebaut, ja sie ist sogar eine der Bedingungen für dessen Erneuerung. So sagte bereits Augustinus: "Ein Wunder passiert nicht gegen die Natur, sondern gegen unser Wissen von der Natur." (Augustinus, 2008) Das Wissen wird eben unwiderstehlich von Wundern angezogen – aber nur, um diese entwundernd seinem Machtbereich einzuverleiben.

4.

Was hat nun die Psychiatrie zu unserem Thema beizutragen? Wo finden sich unsere Patienten der Verwunderung, dem Erstaunen, der Überraschung, dem Erschrecken ausgesetzt? Eines der ersten Wetterleuchten einer beginnenden schizophrenen Psychose ist das Wiederauffällig- und Wiederaufdringlichwerden der Selbstverständlichkeiten des Alltags. Wie viele Kranke berichten uns, was alles ihnen plötzlich seltsam, merkwürdig, überraschend, befremdlich, nicht an seinem Platze vorkommt! Das Gesicht des Vaters, der Mutter, der Freundin. Die schrillen blutroten und giftgrünen Farben dort, aber auch das sanfte Blau des Morgenhimmels. Der metallische Klang einer Stimme ebenso wie die einschmeichelnde Melodie der Musik. Dass die Sonne tatsächlich abends am Horizont untergeht. Eine Wolke, der blaue Himmel, der Regen. Aber auch, dass alle Türen rechteckig sind. Dass das Messer überhaupt schneidet. Dass dieser Schrank, diese Haus, dieser Berg immer noch dastehen, wo sie eben schon dagestanden haben. Dass das Paar, das am Nebentisch im Café gesessen hat, aufsteht und geht. Aber auch, dass dies andere immer noch sitzen bleibt. Dass heute ein anderer Tag ist als gestern. Das alles wird auf einmal außerordentlich verwunderlich, manchmal auch erschreckend, und wie alles Verwunderliche setzt es Fragen in Gang. Die versuchten Antworten darauf kann dann allerdings häufig nur der Wahn geben: Die Sintflut; der nahende Krieg; mörderische Absichten; Weltuntergang; Verkleidung; Maskierung, um irre zu führen; die wollen damit sagen, du musst jetzt auch gehen, für immer; oder für immer auf der Stelle sitzen bleiben; das alles ist Kino, gar keine Wirklichkeit; die haben mich auf einen anderen Planeten gebracht, wo die hiesigen Naturgesetze nicht gelten.

Wenn jedoch auch eine solche Beantwortung von vornherein scheitert, oder die versuchten wahnhaften Antworten bald ihrerseits keine Sicherheit mehr geben, bleibt nur eine totale, unbehebbare Ratlosigkeit. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus und wird so völlig handlungsunfähig. Genau das, "ich kenn mich nicht aus", ist aber nach Wittgenstein auch "die Form eines philosophischen Problems" (Witgenstein, 1984b), die zum durchdringenden Denken "von Anfang an" auffordert. Die ratlose Verwunderung, die einer solchen Selbsterkenntnis, zu wissen dass man (noch) nichts über die Sache weiß, vorausgeht, hat Wittgenstein allerdings aus dem Problem herausgestrichen.

5.

Sehr gut erkennbar wird sie hingegen nicht nur den Kranken, sondern auch uns, den bislang von Psychosen verschont gebliebenen Menschen, in einem beginnenden Mescalinrausch oder unter einer hohen Dosierung von Cannabis. In einem solchen Zustand fragen wir uns selbst, warum gerade dieses Bild an der Wand hängt. Warum gerade in diesem Augenblick die Türe aufgeht. Warum mein Kollege so langsam spricht. Warum ich meinen Arm bewege. Warum hinter mir überhaupt noch was ist. Warum eine Katze gerade über den Weg läuft. Warum ein Vogel zwitschert. Das alles ist so verwunderlich, ja manchmal sogar so komisch, dass ich laut loslache. Genau so komisch ist, dass die anderen sagen, sie verstünden nicht, warum ich das tue.

Auf dem Höhepunkt des Rausches folgen auf solch einen Anfang allerdings noch viel kuriosere, überraschendere, ja manchmal sogar erschreckende Geschehnisse. Alle runden Gegenstände beginnen plötzlich um sich selbst zu kreisen. Zuerst kann man sie noch zum Anhalten bringen, später nicht mehr. Das kleine Dachzimmer, in welchem der Versuch stattfindet, verliert seine Ecken, es rundet sich ab, es wird zu einer Weltraumkapsel, unendlich weit entfernt von der Erde und den übrigen Menschen. Die in einem kunstgeschichtlichen Werk abgebildete Porzellanvase, deren einschmeichelnde Rundung mich einlädt, sie zu umfassen, ergreift mich, beim ersten inneren Anstoß, das tun zu wollen, bin ich schon in ihr gefangen, ja mit ihr verschmolzen und erstarre, unfähig zu der geringsten Bewegung, wie ein katatoner Kranker, und komme erst in dem Augenblick wieder frei, wo der Versuchsleiter die Seite umblättert. Aber diese neue Seite, eine Van Gogh Reproduktion des Bildes vom Bauern, der unter gleißender Sonne und nahenden Gewitterwolken einen Acker pflügt, nimmt mich genau so im Geiselhaft: Ich selber bin plötzlich der Bauer, es gibt keine Rettung vor dem Blitz, der gleich auf mich niederfahren wird. Und bald danach muss ich feststellen, dass Dr. S. mit seiner knarrenden Stimme meine Knie ohne mein eignes Zutun bewegt.

Lauter wunderliche Begebenheiten also. Die Dinge, die Menschen, ja ich selber, alle sind nicht was sie bisher waren oder doch zumindest vorgaben zu sein. In einer Art Rückwärtsbewegung hat alles hat seine Verlässlichkeit, seine unaufdringliche Zuhandenheit verloren. Stattdessen kommt es zu einer Überschwemmung mit Wundern: vor ihnen gibt es nun keinerlei Schutz mehr. Das kann einem nicht nur in der Psychose und in der Intoxikation passieren, sondern auch im künstlerischen Schaffensprozess. "Jeder Engel ist schrecklich" sagt Rilke, der diese Wunderwesen, die ihn inspirieren, in seinen Elegien "fast tödliche Vögel der Seele" nennt, und für den schon das Schöne, das wir bewundern, "nichts als des Schrecklichen Anfang" ist. Der magische Weltbezug hat mich wieder. Und ich verstehe plötzlich, weshalb Zauberei und Beschwörung zu seinen vorherrschenden Deutungsmustern gehörten.

6.

Der magische Weltbezug ist nun aber Ausdruck einer weitgehend noch unbeherrschten Natur. Nur schrittweise konnten die ineinander verfließenden Naturprozesse in benennende und dann auch in sie erklärende Begriffe gefasst werden. Das bedurfte einer gemeinsamen, oft über die individuellen Lebensgrenzen hinausgreifenden Arbeit. Wieder war es Klaus Holzkamp, der in seiner "Grundlegung der Psychologie" (Holzkamp, 1983, S. 181ff) gezeigt hat, dass es in der Jungsteinzeit zu einer entscheidenden Wende von einer unmittelbar kooperativen Gewinnung der materiellen Lebensgrundlagen, wie etwa bei der Treibjagd durch die Männer eines Familienclans, zu einer gesamtgesellschaftlich vermittelten Lebensgewinnung kam, ausgestattet mit einem kollektiven, generationsüberschreitenden Gedächtnis. Nun entschied die gesellschaftliche Organisation über Arbeitsteilung und über die Verteilung der erarbeiteten Lebensmittel. Damit dies funktionierte, mussten immer mehr Dinge, aber auch immer mehr vermittelte Sachverhalte ihre verbindliche Benennung erhalten. Und es mussten auch neue geistige Fähigkeiten entwickelt werden, welche nicht nur die Beziehungen zwischen vitalen Bedürfnissen und den Objekten zu deren Befriedigung, sondern auch die Beziehungen zwischen den Bearbeitungsvorgängen und den Erscheinungsformen der Dinge zu fassen erlauben: so die Ursachen- Wirkungsbeziehung, die Zweck- Mittelbeziehung, die Möglichkeits- Wirklichkeitsbeziehung, die Entfaltung der Zeit in ihre verschiedenen Modalitäten: kurz, ein von der Logik bestimmtes Denken.

Im Laufe der weiteren Menschheitsgeschichte erobert sich dieses Denken immer weitere Lebensbereiche und dominiert schließlich über Magie und Mythologie. Immer mehr Dinge, immer mehr Sachverhalte gewinnen ihre fürderhin unaufdringliche Beständigkeit für jedermann. Zuerst der Nahraum, das Haus, die alltäglichen Arbeitswerkzeuge. Sie gewinnen eine relative Sicherheit vor Zauberei und Magie, und damit auch eine relative Stabilität und sind schließlich ganz unaufdringlich zuhanden. Wunder werden hier immer seltener – und dementsprechend auch Verwunderungen. Allmählich dehnt sich dieser Bereich der Ding- und Geschehenskonstanz immer weiter aus. Immer mehr wird erklär- und vorhersehbar, bis hin zur Digitalisierung. Mittlerweile hat dieser Bereich bereits beachtliche Ausschnitte des Weltraums erreicht. Jedes Kind muss allerdings diesen Prozess der Beständigung der Dinge in seiner eigenen Entwicklung, angeleitet von seinen Eltern und älteren Geschwistern, noch einmal durchlaufen: und so seine eigene nächtliche Angst vor der Hexe unter dem Bett verlieren.

7.

Diese Beständigkeit der Dinge, der sie verbindenden Beziehungen, der Menschen um uns und unserer selbst gibt erst den Hintergrund ab, auf dem sich Überraschungen und Verwunderungen überhaupt erst abzeichnen können. Wo sie völlig fehlt, kann es auch keine Überraschungen, keine Verwunderungen geben: nur ein Chaos flashartig einander jagender und verjagender, weder erwarteter noch unerwarteter Ereignisse und Bilder. Umgekehrt, je stabiler die Dinge um uns und in uns, je seltener die Wunder, desto überraschender, manchmal auch erschreckender, wenn sie dann doch einmal auftreten. Mit ihrer Außergewöhnlichkeit nimmt auch ihre Intensität und Prägnanz fortlaufend zu. Aber das ist noch nicht das Ende. Die rechnerische Durchdringung der Welt bis hin zu ihrer Digitalisierung, und zwar nicht nur der Dinge durch die Naturwissenschaften, auch der menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen durch die Psychologie, die Soziologie, die Meinungsforschung mit ihren statistischen Werkzeugen, und die daraus erwachsende Karenz von Verwunderungen darüber führt schließlich zu einer Sehnsucht nach Wundern, nach dem Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren, und natürlich auch nach einem übermenschlichen Wesen, das sie herbeiführen kann. Mit dieser Sehnsucht einher geht eine neue Hinwendung zu Religionen und deren göttlichen Repräsentanten, zu Gurus und Heilsverkündern, aber auch zu Glücksspielen und zu allen möglichen Formen von Risikoverhalten, bei denen man sein Leben aufs Spiel setzt. Die immer weiter fortschreitende und uns schließlich einkreisende Be- und Verrechenbarkeit der Welt, von der, vorausschauend, schon Max Weber und Martin Heidegger gesprochen haben, ist allerdings nicht die einzige Voraussetzung für eine solche das Irrationale und Überraschende herbeisehnende psychische Verarbeitungsform. Zu ihr hinzutreten muss auch noch, dass die meisten Menschen sich nicht als Subjekte, nicht als Herren dieses sie selbst mit einbeziehenden Verrechnungsprozesses erfahren, sondern vielmehr als seine Objekte, die diesem Geschehen mehr oder weniger hilflos preisgegeben sind. Manchmal gerät aber auch dieser Verrechnungsprozess selber ins Schlingern und was um uns herum geschieht ist dann plötzlich doch noch einer letzten Form unerwarteter Überraschungen ausgesetzt: dem Börsencrash, der sich noch nicht einmal durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung voraussagen lässt.

8.

Zuletzt gilt es noch eine weitere Form der Verwunderung zu bedenken: sie hat einen paradoxen Charakter, denn sie betrifft gerade genau dasjenige, was man gemeinhin gar nicht beachtet, nämlich die Existenz einer verlässlichen Alltäglichkeit: Sie wird erst dann als solche auffällig, wenn man sie zuvor verloren hatte und plötzlich wiederfindet, am deutlichsten vielleicht im Abklingen einer durch Halluzinogene provozierten Bewußtseinsveränderung. Über das letztere kann ich selber berichten: Die Erfahrung, dass ein Tisch wieder nichts als ein Tisch, ein Stuhl nichts als ein Stuhl, ein Bild nichts als ein Bild sein darf, das Gesicht eines Freundes nichts als sein eigenes Gesicht, dass nur ich über die Bewegungen meiner Glieder, über meine Empfindungen und Gefühle verfüge, und niemand sonst. Dass die Sonne morgens aufgeht und die Sterne dabei nicht herunterfallen. Und auf dem Heimweg von meinem Mescalinversuch: dass diese Häuser wirklich in Freiburg stehen, in der Strasse, in der ich wohne, dass die Laternen nur dazu da sind, die Strassen zu erhellen und nicht eigens hingestellt wurden, um mir heimzuleuchten (welch mehrdeutiges Wort!) oder um mir irgendwelche unentzifferbare Botschaften zukommen zu lassen: das alles erschien mir als ein Wunder, das mich in ein zuerst ungläubiges Staunen versetzte, und dann in Beglückung. Es ist dies das Staunen darüber, dass die Dinge wirklich sind, was sie sind, dass sie sind, was sie zu sein vorgeben, und letztlich auch das Staunen darüber, "dass überhaupt etwas ist und nicht nichts": ein spätes Remake des philosophischen Staunens am Anfang der Philosophie. Bei mir hielt es damals nur ein paar Tage an, aber auch danach habe ich es niemals vergessen. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch. Du bist Du, Du bist Du, Du bist Du. Ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich.

Gertrude Stein ist wohl die erste gewesen, die versucht hat, solche Tautologien als philosophische Wahrheiten zu rehabilitieren: mit ihrem berühmt gewordenen Satz "eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" (Stein, 1999). Die Tautologie wird so zur ersten Begründung, aber zugleich auch zum einem Beleg für die Suspendierbarkeit der Logik. Das Gewöhnlichste, gemeinhin Unauffälligste als das zugleich am meisten Staunenswerte. Und das am meisten Beglückende. Auch Kranke berichten darüber wenn ihr psychotisches Erleben für eine Weile oder gar ganz aussetzt.

9.

Worum es bei solchen tautologischen Affirmationen geht, ist die Anerkennung von selbstverständlichen Gewissheiten, wie sie Wittgenstein als Garanten jeglichen Wissens beschrieben hat, aber auch die Anerkennung der Gültigkeit von Grenzsetzungen, von Definitionen, durch welche die Identität eines Dinges erst bestimmbar wird. Anders als in der antiken Welt handelt es sich für uns bei solchen Grenzen aber nicht mehr um von uns selber unabhängige Vorgegebenheiten, die man bloß ausfindig zu machen hat, um deutlich zu machen, dass "die Dinge (wirklich) sind was sie sind". Sie müssen vielmehr von uns erst als verbindlich gesetzt werden. Ihre Bestätigung finden sie heute lediglich in demjenigen, was sie zu erklären vermögen. "Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugungen angelangt: und von dieser Grundmauer könnte man sagen, sie werde vom ganzen Haus getragen" sagt Wittgenstein (Wittgenstein, 1984a, S. 248). Chagall hätte diese philosophische Aussage durch ein auf seinem Dach stehendes Haus illustrieren können. Diese Art von Grundmauer muss sich dem entsprechend wandeln, wenn das Haus weitergebaut, z.B. aufgestockt wird.

Solche von uns selbst gesetzten Grenzen artikulieren sich nun aber in allgemein verständlichen Bedeutungen, in Begriffen, die uns die Sprache zur Verfügung stellt. Erst das lässt eine gemeinschaftliche Weiterbearbeitung zu. Ein derartiger Artikulationsprozess hat nichts bloß subjektives oder willkürliches an sich. Er geschieht fortlaufend über Generationen hinweg, und vollzieht sich zunächst an den Festlegungen, die wir bereits vorfinden: an den Prämissen unseres Denkens und Handelns, die immer auch die Spuren vorangegangener intellektueller wie materieller Bearbeitungen durch andere in sich tragen. Seine Grundlage ist eine gemeinsame, gesellschaftliche Arbeits- und Lebenspraxis. Erst durch diese Praxis werden die Dinge für alle Beteiligten so gewohnt und heimisch, dass man sie auch mit einem für alle verbindlichen Namen bezeichnen kann. Sie regelt aber auch die Art und Weise, wie man überhaupt von ihnen spricht: in Wittgensteins Terminologie (Wittgenstein, 1984b), in welches Sprachspiel sie eingebettet sind. Weil jedes Sprachspiel seine eigenen Regeln und seine eigenen Gewohnheiten hat, birgt jedes von ihnen auch seine eigenen Transgressions- und Restitutionsmodalitäten, dasjenige, was in ihm als seine eigene Überraschung, sein eigenes Wunder fungieren kann. Aber jedes von ihnen hat auch seinen eigenen Bedarf an tautologischen Affirmationen.

Die als Regeln eines solchen Sprachspieles anerkannten Verbindlichkeiten müssen nämlich ständig von jedem einzelnen aufrechterhalten werden. Die kulturhistorische Schule der Psychologie (Leontjew, 1973, S. 222f) hat aufgewiesen, dass jede allgemein verbindliche gewordene Bedeutung – dass das da ein Stuhl, dass diese Farbe da grün heißt – mit einem persönlichen Sinn für jeden, der sich ihr zuwendet, erfüllt werden muss. Und umgekehrt muss jeder persönliche Sinnbezug sich in einer allgemein verbindlichen Bedeutung wiederfinden lassen. Ein Baum für alle muss auch ein Baum für mich sein, ein Baum für mich ein Baum für alle. Erst durch die Verknüpfung von persönlichem Sinn und verallgemeinerbarer Bedeutung entsteht so etwas wie Gemeinsinn, und damit auch eine emotionale Dynamik für gemeinsames Handeln. Und das Wort Tautologie erhält durch eine solche Formulierung eine weitere Bedeutung: es besagt nicht nur die bekräftigende Feststellung der Identität von Dingen und Personen, sondern enthält dazu noch einen anderen Aspekt: den einer Annäherung ihres Für mich und Für Andere seins, die bis zu ihrer grenzwertigen Angleichung reichen kann.

10.

Löst sich damit die Dimension des Unterschieds, einer zumindest potentiellen Differenz zwischen beidem in Luft auf? Keineswegs. Dem anderen sind immer noch Aspekte zugänglich, die für mich unsichtbar bleiben, mir solche, die er nicht erkennen kann. Merleau-Ponty (Merleau-Ponty, 1964, S. 17-30) hat diesen Sachverhalt als Perspektivität der Welt und der Dinge bezeichnet und diese Thematik in seinem posthumen Werk "Das Sichtbare und das Unsichtbare" noch einmal aufgegriffen. Die Perspektivität verwurzelt erst die wahrnehmbare Welt in einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Gäbe es diese Differenz der Blickwinkel nicht, diesen Charakter des teilweisen Sich Entziehens der Dinge in die Verfügung der anderen, dann behielten die Dinge für uns den Status bloßer selbstfabrizierten Konstrukte, würden sie nie zu Gegenständen der Teilhabe und des gemeinsamen Handelns. In das tautologisch Angeglichene wird so von vornherein auch die Leerform ihrer Differenz in Gestalt ihrer mir verborgenen, nur den anderen zugänglichen Rückseiten mit inkorporiert, auf die ich in meinen Überlegungen und in meinem Handeln gleichwohl angewiesen bin. Jede unserer Handlungen, jede unserer Vorstellungen enthält somit eine solche implizite Bekräftigung und Anerkennung nicht nur von Selbigkeit, sondern auch von Differenz. Verselbigung und Veranderung – der letztgenannte Begriff stammt von Theunissen (Theunissen, 1981) – bleiben somit in ein dialektisches Spannungsverhältnis eingebunden, und aus dem mir Unsichtbaren, nur dem anderen Zugänglichen können immer wieder neue Überraschungen und Verwunderungen entspringen. Nur im Wahnsinn wird diese Beziehung zwischen Verselbigung und Veranderung gesprengt. Wahnsinn ist aber nichts anderes als die Aberkennung einer gemeinsamen, gesamtgesellschaftlich begründeten Lebenspraxis von unterschiedlichen Individuen. 

Literatur

Aristoteles (1982). Metaphysik. In: Einführungsschriften. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Augustinus. (2008). z.n. Kalender 365 < http://kalender-365.de/sms-sprueche/wunder.php. > [Zugriff: 17.07.2008]

Heidegger, M. (1949). Sein und Zeit. Sechste Auflage. Tübingen: Klostermann.

Heidegger, M. (2004). Vom Wesen der Wahrheit. Gesamtausgabe Band 9. Frankfurt: Klostermann.

Heidegger, M. (1992). Parmenides. Gesamtausgabe Band 54. Frankfurt: Klostermann.

Heidegger, M. (1994). Heraklit. Gesamtausgabe Band 55. Frankfurt: Klostermann.

Holzkamp, K. (2006). Wissenschaft als Handlung. Hamburg: Argument.

Holzkamp, K. (1983). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/New York: Campus.

Homer. (2005). Ilias. Stuttgart: Reclam.

Horaz. (2006). nil admirari. In: Sämtliche Werke. Stuttgart: Reclam.

Husserl, E. (1989). Fünf Aufsätze über Erneuerung. In T. Menon & H. R. Sepp (Hrsg.), Husserliana XXVII (S. 3-94). Heidelberg: Springer.
Kant, I. (1766). Träume eines Geistersehers. Riga und Mietau.

Leontjew, A. N. (1973). Probleme der Entwicklung des Psychischen. Frankfurt: Fischer Athenäum.

Mauriac, F. (2008). z.n. Sven Lehmann < http://www.sven-lehmann.de/aktuell/wunder-geschehen-auch-in-sachsen.html > [29.10.2008]

Merleau Ponty, M. (1964). Le visible et l'Invisible. Paris: Gallimard.

Platon. (2007). Theaitetos. In: Sämtliche Werke. Bd 3. Hamburg: Rowohlt.

Ritter, J. & Gründer, K. (1999) Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10. Basel: Schwabe.

Stein, G. (1922/1999). Sacred Emily. In: Geography and Plays. Mineola NY: Dover.

Volkmann Schluck, K. H. (1992). Die Philosophie der Vorsokratiker. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Theunissen, M. (1981). Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart. Berlin: De Gruyter.

Weber, M. (1999). Wirtschaft und Gesellschaft. Gesamtausgabe Abt 1, Schriften und Reden. Tübingen: Mohr Siebeck.

Wittgenstein, L. (1984a). Über Gewissheit. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Wittgenstein, L. (1984b). Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp.



Prof. em. Dr. med. Erich Wulff
c/o Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Zentrum für Seelische Gesundheit
Medizinische Hochschule Hannover
30625 Hannover




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