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Deutsch

Eine phänomenologische Untersuchung der Unterscheidung einer normalen oder gestörten Persönlichkeit


Jann E. Schlimme
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 1 (2008), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Die psychiatrische Unterscheidung einer normalen und einer gestörten Persönlichkeit wird mit der phänomenologischen Methode auf ihre basalen Merkmale befragt. Die aus phänomenologischer Sicht erforderlichen vier Merkmale zum Verständnis dessen, was als Persönlichkeit bezeichnet wird, konzentrieren sich um die Subjektivität (das Zu-sich-verhalten) der betreffenden Person. Im Unterschied hierzu nehmen psychiatrisch genutzte Persönlichkeitsmodelle zusätzlich eine Verinnerlichung und eine zumindest potentiell vollständige Bestimmbarkeit der Persönlichkeit an. Beide Unterschiede werfen Schwierigkeiten auf, die auch die Möglichkeit betreffen, überhaupt sinnvoll eine "normale" von einer "gestörten" Persönlichkeit zu unterscheiden. Dies wird deutlich, wenn eine Pattsituation zwischen der Selbsteinschätzung und der psychiatrischen Einschätzung betreffend einer "Störung" der betreffenden Persönlichkeit eintritt. Dann zeigt sich, dass die psychiatrische Einschätzung keineswegs der Selbsteinschätzung des Betroffenen überlegen ist. Aber auch wenn jeder Mensch seine Weise, wie er sich zu sich, zu anderen und seinen Situationen verhält und wie er hierin anderweitige Situationen überformt, als seinen ganz persönlichen Lebensstil deklarieren kann, bleibt als Hintergrund der psychiatrischen Unterscheidung das widersprüchliche und unangemessene Überformen aktueller Situationen im Zu-sich-verhalten bestehen. Es ist also gerade das "Kernstück" der Subjektivität (nämlich das Zu-sich-verhalten), welches zu einer "Persönlichkeitsstörung" führt. Potentiell aus psychologisch-psychiatrischer Sicht als "Persönlichkeitsstörung" benennbare Persönlichkeitsmerkmale beschreiben demnach eine fehlende Wandelbarkeit/Flexibilität des eigenen Zu-sich-verhaltens, welches einem häufig widersprüchlichen und unangemessenen Überformen anderweitiger Situationen entspricht und nicht spontan verändert werden kann.

Schlüsselwörter: Phänomenologie; Selbsteinschätzung; Selbstbezug; Person; Lebensform

Abstract

A phenomenological investigation of the distinction of a normal and a disturbed personality
In this paper I investigate the psychiatric differentiation between a normal and a disturbed personality using the phenomenological method. Initially four basic characteristics for a phenomenological understanding of personality are spelled out. These characteristics focus on the self-relation of the given person, thematize that the way of self-relation cannot be changed spontaneously, that this way of self-relation already shapes other situations and that these situations point back to a centre of activity (an "I"). The models of personality as used in the psychiatric field assume further more an internalisation of the personality and the possibility to determine the personality completely. These differences inhibit the understanding of the 'worldly' and the inconceivable quality of personality, since personality is always given in situations and can never be described completely. This leads to difficulties regarding the differentiation of normal and disturbed personalities. As an example this becomes especially clear, if the self-assessment and the psychiatric assessment are contradictory regarding the disturbance of the personality at stake. Surely every one can declare one's own way of relating to oneself, others and one's situations as one's "personal way of life". Yet, in the background of this impasse the psychiatric assessment comes back into play, if the person is not able to shape one's situations in a suitable way. This points out that the disturbance of a personality can be seen in its failing ability to shape one's own situation in a typical and suitable way. It can be concluded that it is the core of subjectivity (the self-relation) that is disturbed in a personality disorder. This corresponds to the fact that the psychiatric discourse only claims a person disordered in one's personality, if the person is itself of the opinion that one's personality is disordered. As can be seen, every possible characteristic which can be named as a clue for a personality disorder from the psychiatric-psychological point of view, means a failing changeability and flexibility in the self-relation, which shows itself mostly in a conflicting and inadequate shaping of situations and cannot be changed spontaneaously.

Key words: phenomenology; self-assessment; self-relation; person; life form

1. Einleitung

Wenn wir Fragen nach der Normalität eines Menschen stellen, bewegen wir uns auf schmalem Grat. Unzweifelhaft ist es eine Frage, die wir innerhalb unseres Menschenbildes stellen. Menschenbilder sind Akte der Selbstvergewisserung, in denen wir der Frage "Wie ist es, ein Mensch zu sein?" nachgehen. Bedenken wir also diese Frage nach normaler oder gestörter Persönlichkeit tiefer, so geraten wir in eine Verwunderung darüber, dass wir diese Frage überhaupt stellen können. Zugleich geraten wir damit ins Philosophieren. Dieses "Hineingeraten" ist für den psychiatrisch-psychologischen Diskurs keineswegs neuartig oder ungewohnt. Vom Anbeginn der Psychiatrie und Psychologie blieb die Nähe zur Philosophie ein Thema – sei es als angenehme Verwandtschaft oder unangenehme Bedrohung. Aktuell kann kaum übersehen werden, dass das Philosophieren innerhalb des Psychiatrischen und Psychologischen an Bedeutung und Wichtigkeit wieder zugenommen hat (Fulford et al. 2004). Dies gilt auch für den deutschsprachigen Raum (Schramme u. Thome 2004). Zentrales Thema dieses Philosophierens scheint dabei die Rehabilitation der Subjektivität zu sein. In einem anderen Sprachgebrauch könnte gesagt werden, dass es auch darum geht, die persönliche Sichtweise und Bewertung des eigenen Lebens als Zentralgestirn des Psychiatrischen zu benennen, zu verstehen und – so nötig – zu rehabilitieren. Ein solches Philosophieren orientiert sich dabei häufig an der Phänomenologie, da die phänomenologische Methode die Subjektivität in besonderem Maße zu berücksichtigen vermag (Schwartz&Wiggins 2004; Rinofner-Kreidl 2003 u. 2005; Zahavi 2003). Diese Orientierung am phänomologischen Philosophieren gilt auch für diesen Text.

2. Verwunderung über die Frage

Strenggenommen sind wir bereits im Philosophieren angekommen. Denn bereits die Frage nach einer normalen oder gestörten Persönlichkeit gerät uns zum Thema. Wir verwundern uns, dass wir diese Frage überhaupt stellen können. Diese Verwunderung führt in zwei Aussagen. Zunächst verstehen und vergewissern wir uns in unserer transatlantischen Kultur offenbar je als Einzelner als ein Wesen, welches Persönlichkeit hat. Zum anderen grenzen sich in dieser Selbstvergewisserung Bereiche ein bzw. aus, die Normalität und krankheitswertige Störungen darstellen. Die Verwunderung nimmt zu, wenn wir uns eingestehen, dass Verständnisse des Menschen auch heutzutage keineswegs einheitlich und unstrittig sind. Festzustehen scheint zumindest, dass Menschen denkende, mit Selbstbewusstsein ausgestattete Wesen sind, welche ein Verhältnis zu sich selbst einnehmen. Ferner scheint festzustehen, dass Menschen ihrem Leben als Leben unabdingbar und absolut überantwortet sind – sie also ihrem Leben im Leben nicht ausweichen können – und dass ihr Leben sich in ihrem Leben selbst erweist. Diese letzten beiden Aussagen erscheinen verglichen mit den ersten beiden zwar basaler, da sie "offen für alles sind" und jede Spielart des Lebens von ihnen mitgemeint wird, zugleich aber bleibt auch klar, dass diese radikale Offenheit des Lebens immer nur momenthaft als Erleben gegeben sein kann, da das vollzogene Leben sich immer wieder als dieses oder jenes strukturiert und differenziert.

Das Ziel des Textes ist eine Vergewisserung darüber, welche grundlegenden Vorannahmen vorausgesetzt werden müssen, damit überhaupt die Frage nach einer normalen und gestörten Persönlichkeit gestellt werden kann. Antwortversuche auf diese Frage werden uns Aufschluss über grundlegende Annahmen des psychiatrischen Diskurses geben. Der Text geht dabei wie folgt vor. Zunächst wird ein Verständnis von Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitsmerkmalen entlang eines Gedankenexperiments dargestellt, welches unverzichtbare Strukturmomente dessen benennt, was wir 'Persönlichkeit' nennen (Teil 3). In einem zweiten Schritt wird der psychiatrische Diskurs auf diese wesenhaften Eigenarten hinterleuchtet. Insbesondere wird zu fragen sein, an welchen Punkten weitere Annahmen hinzukommen, die an sich – für ein Verständnis von 'Persönlichkeit' – verzichtbar wären (Teil 4). Abschließend werden die verschiedenen Möglichkeiten der pychiatrischen Differenzierung von Normalität und Störung referiert, um zu klären, welche Vorannahmen im psychiatrischen Diskurs tatsächlich getroffen werden, um die Unterscheidung der normalen oder gestörten Persönlichkeit überhaupt vornehmen zu können (Teil 5). Abschließend wird es dann möglich sein, die grundlegenden Vorannahmen zu beschreiben, die vorausgesetzt werden müssen, damit eine solche Frage nach normaler oder gestörter Persönlichkeit überhaupt gestellt werden kann (Teil 6).

3. Persönlichkeit als Selbigkeit personaler Identität

In den aktuellen philosophischen Diskussionen ist der Begriff der personalen Identität derjenige Begriff, der die menschliche Doppelung von Selbstheit (Ipseität, Subjektivität) und Selbigkeit (Identität, Dasselbe-sein, sameness) am ehesten zu umfassen scheint (Theunissen 1966; Welsen 1999). Selbstheit versteht sich am ehesten im Sinne der berühmten Definition Søren Kierkegaards (1813-1855) von 1846: "Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist dasjenige am Verhältnis, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält" (Kierkegaard 1992, S. 9). In Kierkegaards Definition des Selbst wird das Leben selbst angesprochen, welches sich beim Menschen nicht nur in einer Selbstheit, sondern eben auch in einer nicht loszuwerdenden (präreflexiven) Selbigkeit offenbart (Henry 1992; Theunissen 1993). Zwar war die systematische Orientierung an der Selbstheit in der Verständnisform des Ego bzw. des Ich zentrales Kennzeichen der Aufklärung. Aber auch die systematische und ausschließliche Orientierung des Ego an sich selbst als Ego muss die Frage nach dem Grund stellen, aufgrund dessen dieses Wissen des "Ich bin Ich" zureichend als Wissen aus sich selbst heraus verstanden sein kann (Henrich 1992). Dieser Grund kann folglich nicht das Ich selber sein. Eine Antwort bietet beispielsweise Friedrich Hölderlins philosophische Konzeption von 1795 – das sogenannte Jenaer philosophische Fragment "Urtheil und Seyn" (Hölderlin 1998). Diese Konzeption "ist als erste auf dem Muster eines Verfahrens begründet, das sich als Überstieg des Wissens zu einem Grunde beschreiben lässt, der selbst nicht auch Wissen und der dennoch ein allem wirklichen Wissen immanenter Grund ist" (Henrich 1992, S. 99f). Als ein solcher "immanenter Grund" begegnet uns bei Hölderlin das "Ewigeinige" – gewissermaßen das Leben selbst in seiner letzten Unfaßbarkeit. Gerade die Aufklärung in ihrer Vernunftorientierung weist in diesem Sinne über sich selbst hinaus, da sie zeigt, dass es im Ego bzw. Ich tatsächlich um das "Verhältnis zu sich" geht und insofern wiederum eine Selbigkeit vorausgesetzt werden muss.

Selbigkeit meint also das unausweichliche So-sein des Menschen angesichts des Wechsels seiner Verfassungen. Die Frage nach der Selbigkeit zielt also auf das Erfassen von idealerweise gar nicht veränderlichen "Elementen" bzw. Konstanten von Handeln, Denken, Fühlen und Leiblichkeit, die eine Beständigkeit in der Zeit und in den Situationen aufweisen. Persönlichkeit wiederum versteht sich am ehesten als die Selbigkeit des Menschen. Wollten wir also Fragen nach der Selbigkeit bzw. Persönlichkeit eines Menschen eindeutig beantworten, würden wir im Idealfall kontinuierliche Eigenarten eines Menschen auffinden wollen, die wie ein "Kern" diesen Menschen als genau diesen qualifizieren und festlegen. Ein solches Unterfangen hat jedoch mit spezifischen Schwierigkeiten zu tun, wie wir uns in einem Gedankenexperiment leicht klarmachen können.

3.1. Gedankenexperiment

Nehmen wir an, dass ein solcher "Kern" tatsächlich gegeben ist, so tritt die Schwierigkeit auf, diesen "Kern" beim betreffenden Menschen auch wirklich zu erkennen. Vereinfacht gesprochen entspricht dies der Situation des einzelnen Menschen im griechischen und christlichen Selbstverständnis, in welchem die Vorstellung galt, dass der Mensch durch einen göttlichen, unverrückbaren und unwandelbaren "Kern" qualitativ festgelegt sei. Dies begründet wiederum die Bedeutung der klassischen Forderung: Erkenne dich selbst. Eingebunden in die keineswegs spontan lösbare Frage, welches denn nun der beste und sicherste Weg ist, um sich selbst zu erkennen, ist das "Problem" der Subjektivität. Würde beispielsweise ein Mensch annehmen, diese sichere Erkenntnis über sich selbst zu besitzen, könnte ihm gegenüber ein skeptisches Gegenargument angebracht werden. Dieses bezweifelt, ob das, was der einzelne Mensch in seiner subjektiven Erkenntnis für wahr erachtet, auch wirklich vollkommen dem real Gegebenen zu entsprechen vermag? Die Antwort würde sicherlich lauten müssen, dass der Mensch es in dieser Weise zumindest nicht sicher wissen kann. Eine Antwort, die beispielsweise in der pyrrhoneischen Skepsis zur Lebenshaltung erhoben wurde (Hossenfelder 1993, S. 166ff). Das Gedankenexperiment zeigt, dass die Schwierigkeit der Annahme eines solchen "persönlichen Wesenskerns" insbesondere darin besteht, dass dieser "Kern" – zumindest in keineswegs unwesentlichen Aspekten – unerkennbar wird. Dies ist in der griechischen Philosophie ein durchaus bekanntes Problem, so dass beispielsweise Platon die absolut sichere Erkenntnis über die Seele in die Zeit nach dem Tod verschob (Platon 2006). Das Gedankenexperiment zeigt zwei wichtige Punkte:

A) Der erste Punkt ist, dass der Mensch im Verständnis seiner selbst als ein "Wesen mit einer qualitativen Substanz" mit diesem "eigentlichen Wesen" von sich selbst gar nichts in einem aktiven Sinne zu tun hat, sondern sein "eigentliches Wesen" nur passiv erleiden kann. Beispielsweise in dem Sinne, wie wir heutzutage eine genetische Ausstattung oder Gabe verstehen. Aber auch wenn diese genetische Gabe beispielsweise definiert, dass ab einem bestimmten Alter die Symptome einer Chorea Huntington entwickelt werden, würden wir den "persönlichen Wesenskern" dieses Menschen nicht mit den Symptomen seiner Krankheit gleichsetzen, da uns dies als eine entmenschlichende Verkürzung erschiene. Vielmehr könnten wir Max Scheler (1874-1928) folgend formulieren, dass es gerade das Zur-Natur-verhalten ist, welches den Menschen als "Platzhalter des Geistes" ausmacht (Scheler 1998). Erst wenn dieses Zu-sich-verhalten verschwunden ist, verliert sich die besondere Typik des Menschen. Bei Scheler eröffnet die genetische Gabe also gerade die Möglichkeit, sich zur eigenen Natur zu verhalten. Es ist diese "Instinktentbundenheit" und "Weltoffenheit", dieses Sich-zu-sich-verhalten, welches wesentlich den Menschen ausmacht. Die Selbstheit wird so zum zentralen Signum des menschlichen Wesens, bleibt aber auf eine Selbigkeit angewiesen und bezogen.

B) Der zweite Punkt ist ungleich folgenreicher. Denn wenn das Sich-zu-sich-verhalten als wesentliches Merkmal des menschlichen Wesens verstanden werden muss, kann von einem "personalen Wesenskern" im antiken Sinn nicht mehr gesprochen werden. Denn dieser ist als unbezügliche Substanz angenommen und keineswegs an seine Erkennbarkeit gebunden, sondern wird aller Erkenntnis eben gerade vorausgesetzt. Es ist ja gerade die Annahme, dass es einen solchen "personalen Wesenskern" gibt, die ihn von vornherein von allen situativen und interpersonalen Umständen entrückt. Da wir uns selbst aber immer nur in Situationen erkennen können – da es uns außerhalb von Situationen erkennbar gar nicht gibt und wir zudem immer einen Bezug benötigen, um 'etwas' erkennen zu können – ist diese entrückende Annahme gleichbedeutend mit einer grundsätzlichen Unerkennbarkeit dieses "persönlichen Wesenskerns". Berücksichtigen wir hingegen die Bezogenheit in den erkannten, situativ gebundenen Eigenarten unserer selbst, so können wir sie zwar dennoch durchaus als Merkmale unserer Person beschreiben, aber diese nicht mehr als einen unbezüglichen, den Situationen entrückten "Wesenskern" verstehen. Jedoch immerhin als Weisen, wie wir uns zu uns, zu Anderen und unseren Situationen beziehen. Die Selbigkeit der Person ließe sich dann als eine typische und wiedererkennbare Struktur des Zu-sich-verhaltens beschreiben, mit einem Wort: als Persönlichkeitsmerkmale.

3.2. Persönlichkeitsmerkmale

Kehren wir nochmals zu unserem Gedankenexperiment zurück, um Aussagen zu diesen Persönlichkeitsmerkmalen zu formulieren. Sicherlich können auch diese Merkmale als beschreibbare Merkmale immer nur in ihrer Bezogenheit zum erkennenden Subjekt verstanden werden. Sie verstehen sich als Persönlichkeitsmerkmale, wie sie sich dem jeweiligen Menschen selbst darstellen. Demnach können solche Persönlichkeitsmerkmale nicht als vollendete bzw. umfassende Beschreibung der 'Persönlichkeit' des betreffenden Menschen dienen. Zum einen, da die 'Persönlichkeit' des betreffenden Menschen niemals vollständig und adäquat in den Blick genommen werden kann – werden doch immer nur bestimmte Aspekte gesehen – und zum anderen, da auch diese Persönlichkeitsmerkmale vollkommen an die Situationen gebunden sind, in denen sie erscheinen. Dies scheint unserer zweiten Schulssfolgerung nur auf den ersten Blick zu widersprechen. Denn die mögliche Behauptung, dass dann ja eine Persönlichkeit in einem solchen Wandel begriffen sein könne, dass sie nicht mehr als "Diesselbe" identifizierbar bliebe, ist keineswegs im Grundsatz falsch. Vielmehr geht es darum zu verstehen, wie sich ein solcher Wandel verstehen ließe und, insbesondere, wieso er sich üblicherweise so langsam vollzieht, dass der Mensch die Grundfesten seiner eigenen Person und der hinzugehörenden Welt – beispielsweise der Materialität seines räumlich strukturierten Leibes oder der geschichteten Erzählung seines zeitlich strukturierten Bewusstseins – passiv zu dulden hat, anstatt sie "frisch und frei" erfinden zu können. Offenbar weisen also Persönlichkeitsmerkmale die Struktur einer spontanen und willentlichen ("subjektiven") Unveränderlichkeit auf. Hieraus folgend können wir zwei Strukturmerkmale beschreiben:

I) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal beschreibt das Zu-sich-verhalten eines Menschen in seiner Situation (zu Aspekten/Umständen seiner selbst, Anderer oder der Situation).
II) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal kann in diesem Zu-sich-verhalten nicht spontan verändert werden.

Mit solchen Persönlichkeitsmerkmalen sind also streng genommen keine 'in' der Person angesiedelten Innerlichkeiten gemeint, sondern Strukturen des Ganzen der jeweiligen Situation mit all ihren Abstufungen ins Innerste und Äußerste – also beispielsweise auch "die Welt", "die Kultur" oder "das Subliminale". Und zugleich befinden sich diese Persönlichkeitsmerkmale in einem grundlegenden 'Werden', in welchem sich sowohl die spezifische Situation als auch die zugehörende Person grundlegend entwickeln und auch – zuweilen – völlig neu anzusetzen vermögen. Heinrich Rombach (1923-2004) hat in seiner 'phänomenologischen Strukturanthropologie' diese ko-konstitutive Genese beschrieben, wobei der wesentliche Gedanke gerade der ist, dass in dieser Genese ein Wesensaufbau in Überformung bereits gegebener Situationen geschieht (Rombach 1993, S. 193ff). Die fundamentalste Situation ist dabei die des eigenen aktuellen, bewussten Gegebenseins (i.S. eines Spürens, Gewahrens oder Erlebens), welche nicht verweigert werden kann. Dieses Erleben ist zwar evident, gewiss und adäquat, kann aber – da aus ihm nicht ohne Veränderung herausgetreten werden kann, um sich anschließend darauf zu beziehen – gar nicht als Gegebenheit im sonstigen Erkenntnissinne bearbeitet werden (Rinofner-Kreidl 2003, S. 103ff). Auch wenn es für unser hiesiges Unterfangen nicht wesentlich ist, sei darauf hingewiesen, dass es in der Phänomenologie eine intensive Diskussion gibt, wie diese primäre Gegebenheit zu erfassen wäre (so beispielsweise Henry 1992; Zahavi 2003, S. 71f; Kühn 2005; Rinofner-Kreidl 2007).

Hinsichtlich unseres Bemühens ist nun aber der Gedanke der Überformung von zentraler Bedeutung. Denn Persönlichkeitsmerkmale müssen zwingenderweise in einem besonderen Verhältnis zur (natürlicher und psychosozialer/kultureller) Vererbung und zum Zufall stehen, um weitgehende Konstanz und spontane Unveränderlichkeit aufweisen zu können. Dieses Verhältnis als Überformung zu beschreiben verweist darauf, dass das Überformte als Überformtes erkennbar bleibt, und zwar so, dass das Überformende als überformende Gestalt bzw. überformendes Gestaltungsprinzip gerade aus dem Überformten kenntlich wird. Ein besonders eindrückliches Beispiel für Überformung ist das Frisieren von Haaren, wodurch sowohl die Haare als Haare erkennbar bleiben als auch hierdurch die Frisur als gestaltendes Prinzip kenntlich wird. Verschwinden die Haare unter einer Kopfbedeckung oder sind sie durch den Wind zerzaust, würden wir nicht mehr von einer Frisur sprechen. Das Tragen von Frisuren ist dabei sowohl auf die (ererbte) Art der Haare angewiesen als auch dem Zufall (Wind) unterworfen, wobei der Umgang mit haarbedingt nicht möglichen Frisuren und mit zerzausten Haaren bzw. der Gefahr des Zerzaustwerdens wiederum Ausdruck des Frisurentragens ist. Nun ist es vielleicht etwas überzogen, hinsichtlich des Tragens der Haare von einem Persönlichkeitsmerkmal zu sprechen – auch wenn das bei einzelnen Menschen zutreffen mag, die wir dann als extrovertiert oder ängstlich bezeichnen würden. Aber das Beispiel zeigt, worauf es ankommt. Denn bei der Überformung handelt es sich immer um eine Art von persönlicher Aneignung, die einen zweiseitigen, interpretativen Funktionszusammenhang aufweist, nämlich hinsichtlich des Überformenden und des Überformten. Wir können also einen weiteren Satz formulieren:

III) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal 'überformt' in seinem Zu-sich-verhalten in einer spezifischen Situation anderweitig gegebene Situationen.

Verbleibt noch der 'Wandel' der Merkmale, welche wir noch nicht genauer gefasst haben. Denn trotz aller Kontinuität sind auch persönliche Eigenarten immer 'a bisserl' anders, da sie in verschiedenen Situationen Unterschiedliches aneignen oder überformen müssen. Aber gerade darin bleibt das betreffende Merkmal immer dasselbe und ist in seiner Wandlung wiedererkennbar, ohne exakt das Gleiche geblieben zu sein. Persönlichkeitsmerkmale sind demnach nicht primär Ausdruck einer Zuschreibung durch einen selbst oder durch andere, sondern finden Ausdruck in solchen Zuschreibungen. Zusammenfassend können wir Rombach zustimmend formulieren: Persönlichkeitsmerkmale sind in situativer Unterschiedlichkeit lebendige Interpretation 'dieses' Menschen, der sich zwar in jeder Situation anders als dieser Mensch interpretiert, zugleich aber je als eine Interpretation dieses Menschen erscheint und so den Eindruck einer 'hinter' der Interpretation stehenden 'Persönlichkeit' erweckt (Rombach 1993, S. 198ff). Dies findet sich auch in den drei Sätzen wieder, die wir bereits formuliert hatten und die als das 'Wie' des Gegebenseins schon immer auf das Aktivitätszentrum der gesamten Struktur des Menschen in seiner Situation verweisen (Satz IV):

I) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal beschreibt das Zu-sich-verhalten eines Menschen in seiner Situation (zu Aspekten/Umständen seiner selbst, Anderer oder der Situation). (Zu-sich-verhalten, Satz I)
II) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal kann in diesem Zu-sich-verhalten nicht spontan verändert werden. (Spontane Unveränderlichkeit, Satz II)
III) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal 'überformt' in seinem Zu-sich-verhalten in einer spezifischen Situation anderweitig gegebene Situationen. (Überformung, Satz III)
IV) Jedes potentielle Persönlichkeitsmerkmal verweist auf das Aktivitätszentrum der gesamten Struktur (des spontan unveränderlichen, anderweitige Situationen überformenden Zu-sich-verhaltens) (Aktivitätsnachweis, Satz IV)

4. Zum Verständnis der Persönlichkeit im psychiatrischen Diskurs

Im psychiatrischen Diskurs besitzen aktuell neben dimensionalen Modellen der Persönlichkeit insbesondere psychoanalytische Modelle des "Kern-Selbst" die größte Reichweite.

4.1. Dimensionale Modelle

Als bekanntestes dimensionales Modell darf vielleicht die Typologie der Funktionen im Sinne der "Big Five Personality Factors" angesehen werden, die Persönlichkeitszüge in fünf funktionale Dimensionen auflöst (Extraversion, Agreeableness, Conscientiouness, Emotional Stability, Intellect/Openness to Experience; McCrae & Costa 2005, vgl. a. Raad 2000). Diese Dimensionen beschreiben – abgesehen von der "Openness to Experience" und zumindest begrenzt für "Intraversion/Extraversion" – selbstregulative Vermögen. Untersuchungen der letzten Jahre mit dimensionalen Modellen haben einerseits gezeigt, dass insbesondere selbstregulative Fähigkeiten der Affekte bedeutsam sind im Hinblick auf eine Störung der Persönlichkeit, dass aber offenbar keine qualitativ-kategorialen Unterschiede zwischen normalen und gestörten Persönlichkeiten getroffen werden können (Livesley 1998; DeNeve 1999; Parker 2000). Dimensionale Modelle haben wichtige Hinweise auf Wandlungen der Persönlichkeitszüge im Lebenslauf gegeben (Tyrer 1988; Lawler-Row & Piferi 2006). Für solche dimensionalen Modelle stellen sich zwei wesentliche Schwierigkeiten ein:

a) Selbstheit bzw. das Zu-sich-verhalten wird insbesondere als "Selbstregulation" nur eingeschränkt erfasst, wobei die situative und – in begrenzterem Umfang – die interpersonale präreflexive Bezogenheit zu entfallen scheint. Die für die personale Identität gerade wesentliche Doppeltheit von Selbstheit und Selbigkeit wird so in den dimensionalen Modellen reduziert. Subjektivität droht gar zum "Bestandteil" der Selbigkeit zu werden, obwohl wir uns im kulturellen Sinne – beispielsweise in der Postmoderne – gerade an der "Freiheit" dieses Zu-sich-verhaltens orientieren. Dies leitet zur zweiten Schwierigkeit über.

b) In dem Modell entfällt, dass es sich bei dem Modell um menschliche Selbstvergewisserungen handelt. Dies ist insofern erstaunlich, als es gerade ein wesentlicher Bestandteil von unserem Verständnis der menschlichen Person ist, dass es sich um Wesen handelt, die sich zu sich selbst verhalten. Auch der Einwand, dass es sich 'nur' um ein Modell handelt, entschärft diese Schwierigkeit nicht, da dann in skeptischer Weise gefragt werden muss, welchen Wirklichkeitsstatus denn nun eine 'Persönlichkeit' tatsächlich aufweist. Es ist ja gerade von wesentlicher Bedeutung für ein Verständnis der personalen Identität, diesen Wirklichkeitsstatus von 'Persönlichkeit' mitzubeschreiben, da nur so verständlich wird, wie 'Persönlichkeit' im alltäglichen Leben zu erscheinen vermag (Überformung, Satz III).

Diese beiden Schwierigkeiten sollten nicht davon ablenken, dass gerade dimensionale Modelle der Persönlichkeit für das psychiatrisch-psychologische Feld von besonderer Bedeutung sind und wichtige Einsichten ermöglichen. So beispielsweise den in verschiedenen Studien belegten Hinweis darauf, dass insbesondere die Dimension 'affective stability/neuroticism' einen wichtigen, überkulturellen Zusammenhang mit dem eigenen Wohlbefinden aufweist (Schimmack et al. 2002). Andererseits sollte dies auch nicht überbewertet werden, da die Einsicht, dass wer häufiger ängstlich ist, sich selbst seltener als zufrieden beschreibt, einer Tautologie gefährlich nahe kommt (Schmutte & Ruyff 1997). Gerade der zweite Punkt "b)" zeigt, wie außerordentlich schwierig das Erfassen von Persönlichkeitsmerkmalen ist, da es sie eben gerade auszeichnet, dass sie in ihrer spontanen Unveränderlichkeit scheinbar unverändert in allen möglichen Situationen wiederzukehren scheinen (Spontane Unveränderlichkeit, Satz II).

4.2. Psychoanalytische Modelle

Als bekanntestes psychonanalytisches Modell darf wohl das selbstpsychologische Funktions-Modell des "Kern-Selbst" angesehen werden, welches mit der empirischen Säuglingsforschung eng verknüpft ist (Kohut 1973). Daniel Stern (1991) unterscheidet betreffend des Kernselbstempfindens die drei selbstregulativen Funktionen Selbst-Wirksamkeit, Selbst-Affektivität und Selbst-Kohärenz, die er einer jeweils eigenen Gedächtnisfunktion zuordnet (self-efficacy, self-affectivity, self-coherence, self-memory). Das Kernselbstempfinden tauche in den ersten beiden Lebensmonaten auf, um dann bis zum 7.-9. Lebensmonat das Erleben des Säuglings zentral zu strukturieren und zeitlebens zu persistieren. Es ist einsichtig, dass dieses Kernselbstempfinden die Eigentümlichkeit meint, sich zeitlebens als sich selbst zu empfinden (Dornes 1993). Verstehen sich die Funktionen des "Kern-Selbst" gar als kategoriale Bedingungen der Selbstheit – zumal ein Selbstbewusstsein zu diesem Lebenszeitpunkt noch nicht gegeben ist? Damit aber wären wir doch wieder bei der nachkantianischen Frage nach dem Grunde, der dieses explizite Wissen des Ich zureichend als Wissen begründet. Begründung dieses Wissens kann allein das Leben bzw. Erleben des Menschen selbst geben, welches hingegen kein explizites Wissen ist und sein kann. Wie wir sehen, ändert sich zwar das Modell in bestimmter Hinsicht, aber die bereits benannten beiden Schwierigkeiten bleiben bestehen.

4.3. Verinnerlichung und Selbstregulation

Zusammenschauend zeigt sich, dass psychologisch-psychiatrische Modelle der Persönlichkeit dazu tendieren, a) die Selbigkeit überzubetonen und ihr die Subjektivität als Selbstregulation einzuordnen sowie b) eine weitgehende Verinnerlichung der Persönlichkeit vornehmen, so dass sie vollkommen "im betreffenden Menschen" verortet erscheint.

a) Der erste Punkt demonstriert die grundlegende Schwierigkeit, Subjektivität in (wissenschaftlichen) Modellen zu erfassen, wie insbesondere Kühn (1999) ausgeführt hat. Dies ist für uns der wesentliche Grund, einen phänomenologischen Zugang zu wählen. In den psychologisch-psychiatrischen Modellen versteht sich die Persönlichkeit vorwiegend als Vermögen der Selbstregulation, worin diese Modelle konsequent verstanden auf ihren eigenen Widerspruch stoßen. Dabei werden diese Modelle in dieser Engführung der Subjektivität selbst problematisch, da eine subjektive Aneignung des Modells trotz der Einsicht in die modellgemäße Selbstentfremdung hartnäckig misslingt. Eine Sinnstiftung des eigenen Lebens wird zumindest auf diesem Weg schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Wären solche Modelle also tatsächlich in vollem Umfang zutreffend, so wären zudem alle anderen sinnstiftenden Selbstvergewisserungen – beispielsweise religiöser oder philosophischer Art – ihrerseits nur Ausdruck der auf sich selbst iterierenden Selbstregulation, als welche dann Subjektivität ja verstanden werden müsste. Dies aber ist, wie im normalen Leben deutlich wird, erkennbar nicht der Fall.

b) Der zweite Punkt betrifft die Unterscheidung der Persönlichkeit entlang einer Innen-Außen-Grenze, wobei die Persönlichkeit dem Inneren des Menschen zugewiesen wird. Sicherlich weisen die Persönlichkeitsmerkmale (Satz I-IV) infolge ihrer spontanen Unveränderlichkeit und der Überformung situativer Gegebenheiten eine Tendenz der Verinnerlichung auf. Eine strenge Eingrenzung der Persönlichkeit in der Person ist jedoch aus zweierlei Gründen problematisch:

b1) die Eigenarten eines Menschen zeigen sich immer auch in seiner Welt bzw. seinen Situationen, wenn sie denn überhaupt erscheinen sollen (Aktivitätsnachweis, Satz IV). Dies verweist darauf, dass sich der Mensch schon immer in jeweiligen Situationen befindet, es also einen situationslosen Menschen – im Unterschied zum orientierungslosen Menschen – nicht gibt. Die Ablösung der Persönlichkeit aus dem konkreten Lebensvollzug des Menschen gelingt nur artefiziell.

b2) die Persönlichkeit eines Menschen kann niemals vollständig in den Blick genommen werden, was aber durchaus erforderlich wäre, wenn die strikte Verlagerung ins Innere umfassend begründet werden soll. Dies bestreitet nicht, dass Menschen sich von ihrer Umwelt zu unterscheiden vermögen oder dass es zu allen drei bisher genannten Persönlichkeitsmerkmalen dazugehört, dass sie einen Verweis auf das Aktivitätszentrum der gesamten Struktur vornehmen (Satz IV). Vielmehr geht es darum, dieses Verweisen der Persönlichkeitsmerkmale nicht als eine unbefragbare Gegebenheit zu nehmen, sondern gerade als das 'Wie' ihres Gegebenseins zu befragen. Wird hingegen die Persönlichkeit ganz dem Inneren des Menschen zugewiesen, wird zugleich die Behauptung einer weltlosen Gegebenheit der Persönlichkeit erhoben. Die fundamentalen Schwierigkeiten einer solchen Annahme hatten wir bereits thematisiert (s.o.).

Sicherlich ist es ein interessanter Gedanke, sich zu fragen, inwieweit diese "Verinnerlichung" der Persönlichkeit letztlich nicht auch ausschlaggebend dafür ist, dass Subjektivität als Selbstregulation engführend verstanden wird. Zudem schwingt in solchen Engführungen des Menschen auch immer die Hoffnung mit, etwas Festes, Verlässliches und Dauerhaftes zu besitzen, ohne welches wir in unseren heillos vielen Welten steuerlos hin und her geworfen würden. Dennoch: immer dann, wenn im psychiatrischen Diskurs die Annahme getroffen wird, dass es 'die Persönlichkeit' des Menschen gibt und dass es nur der richtigen Modelle und Zugangsweisen bedarf, um sie umfassend und vollständig in den Blick zu nehmen, sollte bemerkt werden, dass diese Annahme trügerisch ist und letztlich an der subjektiven Qualität der personalen Identität scheitert.

5. Zur Grenze von Normalität und Störung im psychiatrischen Diskurs hinsichtlich der personalen Identität

Wesentlich für die moderne Medizin ist das Auftrennen von Wohlbefinden und Normalität bzw. Gesundheit. Das "täuschende Gefühl der Gesundheit" ist die zentrale Neuerung der Medizin um 1800, wodurch sich Krankheiten vollkommen neu verstanden (Foucault 1991; Tsouyopoulos 1982, 1984, 2008) und auch neue Krankheiten entdeckt bzw. gefunden werden konnten – wie beispielsweise die Abhängigkeitserkrankungen (Schlimme u. Emrich 2004; Wiesemann 2000). Der modernen Auftrennung von Wohlbefinden und medizinischer Gesundheit entspricht letztlich auch die "Verborgenheit der Gesundheit" (Gadamer 1993), die in ihrer fehlenden Feststellbarkeit dem Selbsterweis des Lebens in seiner konkreten Unerschöpflichkeit und wirklichen Unbestimmbarkeit entspricht – was zugegeben nicht der erlebte "Normalfall" ist und dem Wohlbefinden näher zu stehen scheint. Sie kann auch als "Idealtypus" fiktiv gefasst werden, wie die WHO-Definition der Gesundheit leitbildartig vorschlägt, was wiederum einer medizinischen Gesundheit näher zu stehen scheint. Für welches Verständnis auch immer wir uns entscheiden, wir können festhalten: Seit 1800 gibt es zwei verschiedene Diskurse – und damit auch zwei verschiedene Grenzen – von Normalität und Störung: einerseits einen Diskurs der Selbsteinschätzung; andererseits einen Diskurs der medizinischen Einschätzung. Wie im "täuschenden Gefühl der Gesundheit" bereits anklingt, stehen diese beiden Diskurse offenbar in einer aufklärerischen Manier zueinander, in welcher der eine den anderen (vernünftig) durchleuchtet und dessen Aussagen als Täuschung entlarven kann.

5.1. Unterminierung der Selbsteinschätzung

Betrachten wir zunächst den psychiatrischen Diskurs, der um 1800 begann, seinen Ausgang an genau dieser Differenz genommen hat und in Analogie zum medizinischen Diskurs über Krankheiten verstanden werden kann. Krankheiten wurden nun als pathologisch veränderte organische Prozesse verstanden, die sich entlang den Gesetzen des Organischen ausbilden und des Organismus bedienen, um zu leben und sich zu zeigen (Foucault 1991). Damit zeigten sich subjektive Beschwerden als Krankheitssymptom, als Zeichen des den organischen Gesetzen folgenden Krankheitsprozesses, welche auf diesen Hintergrund des Organischen verwiesen. Der medizinische Diskurs durchleuchtete das organische Geschehen der Krankheit mit Vernunft und nahm dem Körper gegenüber eine abgehobene Ego-Position ein. In vergleichbarer Weise entstanden der "psychiatrische" und "psychologische Blick". Er durchleuchtete die "innere Natur" – das Subliminale – mit Vernunft auf seine ihm eigenen Regelmäßigkeiten. Hierin vergewisserte sich der derart durchblickende Mensch als tiefenstrukturiertes Wesen und bewahrte zugleich die Autonomie seines Verstandes. Dieses Blicken griff insbesondere die Selbsterfahrung des aufgeklärten Menschen auf, aus dem eigenen "Inneren" heraus unvernünftig bedrängt zu werden (Kaufmann 1995; Roelcke 1999; Sonntag 2001, Schlimme 2005). Die Selbstvergewisserung als prinzipiell tiefenstrukturiert stellt die eigenen tieferen Strukturen – leibliche, unbewusste oder subliminale – in ein komplexes, konstitutives Bedingungsverhältnis mit dem eigenem vernünftigen Verstandesgebrauch, der diese Selbstvergewisserung erst hervorbringt (Leib-Seele-Problem). Dieses Menschenbild zeigt den Menschen als Zwitterwesen, verspannt zwischen seinem (autonomen) Ego und allem anderen (Tiefenstrukturen, Sozialität), wobei jedoch das Ego seine Autonomie allem anderen verdankt – obwohl genauso gilt, dass es über diese im Sinne einer Lebensführung wiederum auf sich selbst zurückwirkt (Selbstregulation).

Die medizinische/psychiatrische Unterscheidung von Normalität und Störung setzt also in den Tiefendimensionen des Menschen an – auf den verschiedensten Ebenen, die gerade in der Psychiatrie von molekulargenetischen bis hin zu kulturellen Dimensionen reichen – und unterminiert damit das eigene Selbstverständnis des Menschen. In diesem Geschehen des "Unterminierens" wird auch verständlich, inwiefern sich seit dem Anfang des psychiatrischen Diskurses um 1800 die These findet, dass unsere Kultur der Individualisierung – die den geführten Diskurs ja überhaupt erst ermöglichte – den in der Individualisierung und Verbürgerlichung begriffenen Menschen psychisch krank macht (Roelcke 1999). Zugleich wird verständlich, inwiefern die Selbstvergewisserung der Psychiatrie auch stets den Nachweis geführt hat, dass sie – insbesondere als "totale Institution" (Goffman 1973) – selbst (Aspekte von) Störungen produziert, die sie zu beherrschen vorgibt (Dörner 1999; Sammet 2003). Gerade auch angesichts dieser, dem psychiatrischen Diskurs inhärenten Korrekturen, leistet die Psychiatrie in ihrem Nachweis psychischer Störungen, den sie aus einer bürgerlichen Normalität unternimmt, zugleich eine Überformung der Kultur mit diesem Selbstverständnis.

5.2. Möglichkeiten der psychiatrischen Differenzierung

Innerhalb des psychiatrischen Diskurses kann die Grenze Normalität/Störung sowohl entlang einer qualitativen oder quantitativen Unterscheidung (Canguilhem 1974) als auch entlang einer gewöhnlichen oder idealen Unterscheidung diskutiert werden (Reznek 1978). Eine qualitative Unterscheidung erkennt in der Störung neuartige, gewissermaßen störungsspezifische Prozesse, wohingegen eine quantitative Unterscheidung die Aktivität der gewissermaßen störungsunspezifischen Prozesse differenziert (Canguilhem 1974). Diese Art der Unterscheidung ist jedoch abhängig von den betrachteten Parametern bzw. Strukturen (Rudnick 2000). Je nachdem, auf welcher "Ebene" die betrachtete Struktur angesiedelt ist, zeigen sich im Falle der Erkrankung qualitative oder quantitative Unterschiede. Angesichts der Vielfalt an möglichen und sinnvollen Betrachtungsebenen innerhalb des psychiatrischen Diskurses wird verständlich, inwiefern sich eine "Durchmischung" bei den Krankheitsmodellen findet. Hierbei stehen spezifische ("qualitative") Konzepte (z. B. Traumamodell, molekulargenetische Modelle) neben unspezifischen ("quantitativen") Konzepten (z. B. Modell der Frustrationstoleranz, des Stresses oder der Vulnerabilität) und werden sogar ineinander integriert (Erde 2000; Gaebel 2003). Eine allgemeine Unterscheidung von Normalität und Störung entlang einer ausschließlich qualitativen oder quantitativen Unterscheidung misslingt im Hinblick auf psychiatrische Krankheitsbilder, so dass eine solch allgemeine Diskussion nicht mehr zeitgemäß erscheint.

Von dem Differenzierungsmerkmal Quantität/Qualität unabhängig korreliert das Gewöhnliche oder auch Häufige oder eben ein – eventuell sogar seltener – Idealzustand mit Normalität. Um hier konkrete Aussagen zu treffen, muss das Normale zweifelsfrei festgestellt werden und wird damit als feststellbarer Zustand verstanden (Reznek 1978; Rudnick 2000). Denn nur wenn Normalität im Hinblick auf das konkret Untersuchte festgesetzt werden kann, kann von hierher eine Störung bestimmt werden – auch wenn diese Bewegung empirisch häufig umgekehrt vorgenommen zu werden scheint. Diese notwendige Feststellbarkeit der Normalität führt somit wieder zu einer Unsicherheit der Unterscheidung im Allgemeinen, inwiefern eine solche allgemeine Diskussion ebenfalls wenig hilfreich erscheint (Erde 2000). Im Hinblick auf psychische Störungen wird bei diesem Differenzierungsmerkmal des Gewöhnlichen und Häufigen das jeweils im psychiatrischen und kulturellen vorherrschende Menschenbild grundlegend. Eine reine Häufigkeitsanalyse stünde einer konventionell-kollektiven Unterscheidung sehr nahe, womit sich das Problem einer Eigenständigkeit der psychiatrischen Unterscheidung von Normalität und Störung stellt.

Allerdings könnte auch angeleitet durch das naturalistische Krankheits-/Gesundheitsverständnis von Christopher Boorse der Versuch unternommen werden, das psychisch Normale biologisch-funktional zu definieren: qualitativ wären dann artspezifische psychische Funktionen zu definieren, die dem biologisch-evolutionären Überleben des Einzelnen und seiner Gattung als höchstes, gewissermaßen "wertneutrales" Funktionsziel dienen müssten – auf diesem allerdings fiktiven Idealtypus der menschlichen Psyche basierend könnten dann normale Effizienzen der Funktionen in statistischer Häufigkeit quantifiziert werden (Schramme 2003). Erschwerend bei diesem Bemühen wäre, dass die "ökologische Nische" des Menschen seine Kultur ist. Unbenommen dieser Schwierigkeit kommt beispielsweise die Säuglingsforschung mit ihrem Modell des "Kernselbst" diesem funktionalen Ansatz recht nahe, wobei das Quantifizieren des "Kernselbstempfindens" nachvollziehbar schwierig wird. So möglich quantitative Festlegungen bei kognitiven Funktionen erscheinen, so erfolgreich entziehen sich affektive Funktionen, und nicht zuletzt 'die' Subjektivität selbst, einer Quantifizierung. Die Frage ist aber berechtigt, ob nicht gerade die affektiven Funktionen quantifiziert werden müssten, um im psychiatrischen Diskurs naturalistische, d. h. wertfreie Unterscheidungen von Normalität und Störung zu gewährleisten? Zweifel an einer wertneutralen Quantifizierung von Emotionen, Affekten und Stimmungen sind berechtigt. Sicherlich versteht sich auch eine solche Festlegung eines "psychischen Speziesdesigns" wiederum als kulturelle Selbstvergewisserung. Demnach aber wird deutlich, dass eine solche Selbstvergewisserung keine letzte und einzige Gültigkeit für sich beanspruchen kann, wenn sie sich nicht dem Vorwurf des Positivismus und Reduktionismus aussetzen will. Da sie diese Gültigkeit offenbar nicht beanspruchen kann, müssen gleichwertige Selbstvergewisserungen parallel bestehen, welche nicht wertneutral sein können.

Es zeigt sich, dass Differenzierungen von Normalität und Störung im psychiatrischen Diskurs sowohl auf der konzeptuellen Ebene als auch auf der Symptomebene kaum generell getroffen werden können, sondern jeweils unterschiedliche Differenzierungen herangezogen werden. So ist es vorstellbar, dass für bestimmte Aspekte einer Störung eine qualitative Unterscheidung günstig ist (z.B. hinsichtlich von wahnhaftem Erleben), wohingegen andere Aspekte eher einer quantitativen Unterscheidung folgen (z.B. hinsichtlich der Konzentrationsfähigkeit). Jedoch berücksichtigt dies die kontextuelle Verankerung der Symptome nicht immer ausreichend. Dies ist bei der Unterscheidung entlang des Gewöhnlichen und Ungewöhnlichen wiederum gegeben (z.B. beim sozialen Rückzug). Auch bei einer Unterscheidung, die sich an Idealzuständen orientiert (z.B. dem Fehlen von Trugwahrnehmungen) findet sich eine situative Verankerung, die letztlich auch auf einen biologisch-evolutionären Idealtypus der menschlichen Psyche verweisen kann. Wir können also vermuten, dass es insbesondere die situative Verankerung ist, welche verstärkt in den Blick genommen werden sollte, da sie für die Wechselhaftigkeit der Unterscheidungskriterien verantwortlich ist.

5.3. Selbsteinschätzung und Behandlungsnotwendigkeit

Die Bedeutung der Selbsteinschätzung findet sich auch in der Unterscheidung einer Behandlungswürdigkeit und einer Behandlungsnotwendigkeit, welche wesentlich für den modernen medizinisch-psychiatrischen Diskurs ist (Ramsey 1970). Diese orientiert sich nicht nur an dem Ausmaß der Störung, sondern setzt in besonderem Maße bei der Selbsteinschätzung des Betroffenen an. Entsprechend der Selbstvergewisserung des Menschen, wie sie insbesondere in der Aufklärung bei Kant betrieben wurde (Kant 1978), entscheidet die persönliche Einschätzung des Betroffenen über Normalität und Störung. Individualistisch betrachtet entscheidet dies der einzelne Mensch, kollektivistisch betrachtet entscheidet dies der Betroffene innerhalb seiner Sozialität (Familie, Bekannte) mit dieser gemeinsam oder auch seine Sozialität für den Betroffenen. Ausgehend vom Befinden vergewissert sich der einzelne Mensch im Sinne der Polarität von Wohlbefinden versus Unwohlsein – innerhalb oder abseits seiner Sozialität, mit oder ohne Hilfe des medizinischen Diskurses –, ob er behandlungsbedürftig ist oder nicht. Diese Selbsteinschätzung von normal und behandlungsbedürftig hat aber nicht nur die juristisch-ethische Komponente, in welcher über die vernünftige Aufklärung des Betroffenen über medizinisch als behandlungswürdig/-notwendig erachtete Störungen auf die vernunftorientierte Selbsteinschätzung des Betroffenen vertraut wird (informed consent; vgl. Beauchamp u. Childress 1989).

Nun erschöpft sich die Selbstvergewisserung des einzelnen Menschen nicht in der simplen Einschätzung darüber, ob man sich für behandlungsbedürftig hält oder nicht. Dies gilt gerade für die Psychiatrie, da sie das Erleben des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Da aber der einzelne Mensch in seiner Reflexion immer auch vom eigenen Erleben ausgeht, diese aber eben gerade erlebensbedingt einer "Selbsttäuschung" persönlichen Wohlbefindens unterliegen kann (sog. "fehlendes Krankheitsgefühl" und "fehlende Krankheitseinsicht"), kann sich der psychiatrische Diskurs auch nicht in der Selbstvergewisserung des Betroffenen erschöpfen (Hoff 1996). So kann ein Mensch ja durchaus der Überzeugung sein, dass er behandlungsbedürftig ist, obwohl diese Überzeugung ihrerseits aus einer anderen Störung ohne Krankheitseinsicht entsteht. Beispielsweise entschließt sich ein Patient, seinen jahrelangen, aus medizinischer Sicht verzichtbaren Opiatkonsum endlich "loszuwerden". Er beginnt eine Entzugsbehandlung, in der deutlich wird, dass das Motiv die wahnhafte Gewissheit ist, dass er sich in der Vorhölle befindet und insofern entgiften muss, da es in der richtigen Hölle, in die er demnächst wechseln wird, keine Opiate gibt. Diese wahnhafte Gewissheit ist hingegen Bestandteil einer schweren depressiven Verstimmung, die aufgrund des "Gefühls der Gefühllosigkeit" vom Betroffenen gar nicht mehr als depressive Verstimmung eingeschätzt wird. Hier stimmt der Patient einer auch medizinisch sinnvollen Entzugsbehandlung aus Gründen zu, die ihrerseits Ausdruck einer psychischen Störung sind, welche der Patient wiederum erst auf den zweiten Blick auch als behandlungsbedürftig einschätzen kann.

Ebenso wie die Zustimmung zu einer Behandlung ändert aber auch das Ablehnen von einer medizinisch als sinnvoll erachteten Behandlung nicht notwendig die medizinische Einschätzung der Behandlungsbedürftigkeit. Jedoch macht angesichts der Autonomie des Patienten letzteres eine Behandlung unmöglich. Dennoch ist auch vorstellbar, dass die drängende Überzeugung eines Patienten, doch zwingend behandlungsbedürftig zu sein, ebenfalls zu medizinisch sonst als völlig unnötig eingeschätzten Behandlungen oder invasiven Diagnostiken führen kann. Beispielsweise weil der Patient im Rahmen eines unerkannten hypochondrischen Wahns befürchtet, an einer anderweitig unerkennbaren Darmkrankheit zu leiden, die sicher und in Bälde zum Tode führen muss, wenn nicht in absehbarer Zeit eine Laparaskopie durchgeführt werde. Und nicht zuletzt ist es vorstellbar, dass infolge einer "krankheitsbedingten Einschränkung des vernünftigen Verstandesgebrauchs" – wie es beispielsweise im Falle der Suizidabsicht vor dem Hintergrund einer schweren, behandelbaren depressiven Verstimmung diskutiert werden kann – das Kollektiv im Gefolge der medizinischen Feststellung dieser Störung des Verstandesgebrauchs entscheidet, dass dieser Mensch notwendig behandlungsbedürftig ist. Dabei kann "das Kollektiv" auch im Sinne eines Rechtsstaates formalisiert und geregelt durch ein Gericht vertreten werden.

5.4. Selbsteinschätzung und psychiatrische Einschätzung

Betrachten wir die beiden Diskurse von Selbsteinschätzung und psychiatrischer Einschätzung in ihrem Zueinander, zeigt sich, dass die beiden Diskurse für sich weitgehend selbständig sind. Keiner von beiden kann wirklich auf den anderen reduziert werden. So muss das, was im einen gilt, nicht im anderen gelten, auch wenn es typischerweise eine Entsprechung zwischen beiden Diskursen gibt. Jedoch bedeutet das Geltende im jeweils anderen Diskurs nochmals etwas völlig anderes, auch wenn die Bedeutungen soweit übereinstimmen mögen, dass nur noch Nuancierungen einen Unterschied ausmachen. Eine wesentliche, unaufhebbare Nuance ist, dass es sich bei der Selbsteinschätzung eben um einen selbst und nicht um jemand anderen handelt. Eine wertneutrale und unemotional-nüchterne Selbsteinschätzung, die gewissermaßen den wissenschaftlichen Blick wiederholt und auf sich selbst anwendet, würde bedeute, dass sich der betreffende Mensch das Wesentliche seiner Existenz schuldig bliebe: seine Subjektivität.

6. Die Frage nach einer normalen oder gestörten Persönlichkeit

Wir können uns nicht ausschließlich entsprechend der psychologisch-psychiatrischen Modelle der Persönlichkeit vergewissern, da wir uns sonst an unsere Selbigkeit ausliefern. Dies wäre sowohl ein wissenschaftlicher Positivismus, als auch eine therapeutische Bankrotterklärung, da dann eigentlich alle therapeutischen Möglichkeiten bei Menschen mit gestörten Persönlichkeiten gar nicht vorhanden sein dürften (was ja aber erkennbar nicht der Fall ist). Aus diesen Überlegungen heraus wird deutlich, inwiefern es notwendig und wünschenswert ist, Verständnisse psychischer Störungen zu entwickeln, die Subjektivität ungekürzt als Subjektivität auszuweisen vermögen (Fuchs 2004, 2008, S. 280f: Matthews 2003; Schlimme 2005, 2007; Rinofner-Kreidl 2004, 2005, 2007). Dies ist nicht nur die Einschätzung aus phänomenologischer Sicht, sondern ist auch aus einer analytisch-philosophischen Sicht notwendig, da psychische Störungen stets Störungen des Beabsichtigens und Erlebens beim Betroffenen meinen und insofern Bewertungen – individueller und kultureller Art – schon immer vorliegen, die insbesondere der Betroffene in die Psychiatrie hineintragen wird (Fulford 1989).

Diese Einsicht ist nicht neu, erfordert aber immer wieder neue Aufmerksamkeit. Sie findet sich in der Doppelgesichtigkeit des psychiatrischen Diskurses wieder, der zwar seit 1800 nach wertfreien Verständnissen der Selbigkeit des Menschen strebt, sich aber zugleich immer wieder in einer selbstkritischen Befragung nachweist, dass ein solches naturalistisches Verständnis am Menschen qua seiner Subjektivität vorbeigehen würde. Dementsprechend gehört diese Doppelung von "funktionalistisch-wertfreien" und "lebensweltlich-werthaltigen" Verständnissen im psychiatrischen Diskurs im Sinne des Jasperschen "Erklärens" und "Verstehens" zum diskursiven Standard in der Psychiatrie (Fulford et al. 2003; Schramme 2003; Rinofner-Kreidl & Wiltsche 2008). Führt dies hinsichtlich der Frage nach einer gestörten oder normalen Persönlichkeit nicht zu einer eigentümlichen Pattsituation zwischen den beiden verschiedenen Einschätzungen, wobei zudem der Eindruck entsteht, dass sich die psychiatrische Einschätzung an kollektiven (kulturellen) Normerwartungen orientiert?

Betrachten wir dies genauer, so zeigt sich, dass diese Pattsituation üblicherweise dort entsteht, wo die störungsbedingten Veränderungen (störungsbedingt aus der psychiatrischen Sicht) durch den betroffenen Menschen in den Rang einer Lebensform oder eines Lebensstils erhoben werden können. Dann gilt nämlich, dass der psychiatrische Diskurs eine selbstempfundene Normalität als Störung entlarven kann, diese "Verstörung" aber durch die Einbettung der störungsbedingten Veränderungen in einen Lebensstil erneut unterfangen wird. Sicherlich kann der psychiatrische Diskurs hier dann zumeist ein "chronisches Kranksein" nachweisen, jedoch wird damit dem "chronisch Kranken" sein Gefühl des (bedingten) Gesundseins nicht geraubt – was ja oftmals auch gar nicht günstig wäre. Die letztgültige Festlegung des Störungscharakters scheitert also daran, dass sich der durch den psychiatrischen Diskurs als gestört eingeschätzte Mensch zu sich selbst zu verhalten vermag und hierin seine eigene Störung als Lebensform zu stilisieren bzw. zu überformen vermag. Sicherlich reicht die Störung für den Lebensstil nicht aus, aber sie kann als trefflicher Anlass dienen, wie dies beispielsweise im Bereich des illegalen Drogenkonsums der Fall sein kann (Schlimme 2007). Und sicherlich gibt es auch psychische Störungen, wie beispielsweise aus dem schizophrenen Formenkreis, in dem das Ausbilden eines Lebensstils, der die Störung überformen und einbetten würde, nicht mehr gelingt. Es handelt sich hier also nicht um ein Argument für eine relativistische Wirklichkeitsauffassung, sondern um den Versuch, der subjektiven Qualität Rechung zu tragen.

Diese Pattsituation der Einschätzungen findet sich demnach insbesondere hinsichtlich der Persönlichkeit. Denn jeder Mensch kann seine eigene Art und Weise, wie er sich zu sich, zu anderen und seinen Situationen verhält und wie er hierin anderweitige Situationen überformt (ihnen seinen Stempel aufdrückt) als seinen ganz persönlichen Lebensstil deklarieren. Dennoch bleibt der psychiatrische Diskurs in der Lage, zwischen normalen und gestörten Persönlichkeiten zu unterscheiden. Denn die Voraussetzung, um solche Fragen nach einer normalen oder einer gestören Persönlichkeit überhaupt stellen zu können, ist ja zunächst darin zu sehen, dass die Persönlichkeit zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden kann. Diese mögliche Distanz zur Persönlichkeit und zu einem selbst, dieses Zu-sich-verhalten, ist wiederum wesentlich für die Art und Weise, wie wir heutzutage Persönlichkeit verstehen. Dabei ist es ja geradezu als Normalitätsnachweis anzusehen, wenn der Einzelne an sich selbst "Störungen" ausmacht. Diese stete, sowohl individuelle als auch gemeinschaftliche "Störungseinschätzung" bedeutet nun aber nicht notwendig, dass dieser Mensch auch in psychiatrischer Hinsicht eine Persönlichkeitsstörung aufweist – obwohl das der Fall sein kann. Im Gegenteil versteht sich diese persönliche Einschätzung als angemessene Selbstdistanz, die aus steter Selbstkorrektur erwächst und die fundamentale Wandelbarkeit der Persönlichkeit nachweist. Erst wenn diese Wandlung fehlgeht, scheint professionelle Hilfe als neuartige Gemeinschaft bei der Selbstkorrektur notwendig. Zusammenfassend können wir also festhalten, dass die Differenzierung von einer normalen und einer gestörten Persönlichkeit im Wesentlichen entlang der Frage gelingt, wann die Wandlung der Persönlichkeit fehlgeht. Hierauf Antworten zu geben, ist die Aufgabe des psychiatrischen Diskurses in seiner Unterscheidung normaler und gestörter Persönlichkeit.

Allerdings gilt diese Pattsituation vor allem dann, wenn sich die beiden Einschätzungen widersprechen. Stimmen nämlich beide Diskurse in ihrer Einschätzung miteinander überein, begegnet der an der Selbigkeit orientierte psychiatrische Diskurs wie eine wissenschaftliche Begründung der Einschätzung des Betroffenen. Beispielsweise gewinnt ein Mensch immer wieder den Eindruck, an bestimmten Punkten in seinen Partnerschaften nicht weiterzukommen und zu scheitern. Er kann hierfür jedoch keine Gründe in seinen Situationen oder bei seinen Partnern auffinden. Seine Wandlungsmöglichkeiten scheinen erschöpft. In diesem Moment kann die Erläuterung dieses Umstandes als eine "innere Widersprochenheit der Person" außerordentlich hilfreich sein, eröffnet sie doch neue Möglichkeiten, um sich positiv zu verändern. Hierbei bleibt zwar zu bedenken, dass die Selbsteinschätzung bereits durch den psychiatrischen Diskurs beeinflusst und präformiert sein kann. Dennoch erlebt sich aber auch derjenige Mensch als normal, der sich in seiner eigenen Einschätzung entsprechend des psychiatrischen Diskurses als persönlichkeitsgestört versteht. Diese Selbsteinschätzung ist dabei unabhängig davon, dass er sich nicht wohl fühlen mag und dass zu seiner Normalität ein erheblicher Leidensdruck gehört (Bronisch 2003). Er leidet ja zudem aus psychiatrischer Sicht nicht an exakt derselben Störung, an welcher er sich selbst leiden sieht bzw. sich selbst leidend versteht, sondern vielmehr an einer ihm selbst verborgenen Störung, deren symptomatischer Ausdruck seinen Leidensdruck verursacht. Hieran wird deutlich, dass Normalität und Störung im Diskurs der Selbsteinschätzung und im psychiatrischen Diskurs unterschiedlich verstanden werden, unterschiedliche Merkmale aufweisen und nicht zueinander tauschbar sind. Abschließend gilt es zu bemerken, dass die übereinstimmende Einschätzung nicht zwingend in eine Behandlung führen muss, auch wenn der Eindruck entsteht, dass die Bereitschaft zur nur dann auch erfolgreichen Behandlung die Einschätzung voraussetzt, an einer (behandelbaren) Störung zu leiden.

Der Subjektivität des Betroffenen wird also auf vorwiegend zwei Weisen ein Raum im psychologisch-psychiatrischen Modell der Persönlichkeit freigehalten. Zum einen, a) indem die umfassende Festlegung des ganzen Menschen als gestört vermieden wird; zum anderen b) indem die Selbsteinschätzung des Betroffenen zum wichtigsten Kriterium der Einschätzung erhoben wird.

a) Die fehlende umfassende Festlegung des ganzen Menschen als gestört bedeutet im Umkehrschluss, dass bestimmte normale Substrukturen gegeben sind, aus denen wiederum ein sinnvoller Wandel der Persönlichkeit erfolgen kann. So kann die Wandlung der Persönlichkeit im Verlauf zum entscheidenden (klinischen) Kriterium werden. Beispielsweise nutzt der sich als ungewöhnlich erlebende Mensch mit psychiatrisch nachgewiesener Persönlichkeitsstörung erfolgreich in seiner Therapie seine "gesunden Anteile", um umfassender gesund zu werden. Andererseits können Menschen durch traumatische Ereignisse einen Persönlichkeitswandel erleiden, der auch durch umfassendste therapeutische Bemühungen nicht rückgängig gemacht werden kann (Schmidt-Degenhard 2008). Sowohl momentan als auch auf lange Sicht wird also eine eindeutige Festlegung durch den psychiatrischen Diskurs vermieden.

b) Die Selbsteinschätzung des Betroffenen zum wichtigsten Kriterium der Einschätzung zu erheben, ermöglicht angesichts der Vielfalt der möglichen Welten, in denen wir leben können, überhaupt erst die sinnstiftende Unterscheidung einer fehlgehenden Wandlung der Persönlichkeit. Denn erst der Rückbezug zur Subjektivität des Betroffenen erlaubt die angemessene Evaluation des Erlebten. Damit wird verständlich, inwiefern entsprechend unseres heutigen Verständnisses von Persönlichkeiten Kurt Schneiders (1887-1967) Definition der Persönlichkeitsstörung am brauchbarsten erscheint, der neben der statistischen Norm insbesondere das Leiden des Betroffenen an sich selbst als auch das Leiden der Anderen an dem Betroffenen als definitorische Merkmale hervorhob (Schneider 1923).

Hinsichtlich der Frage nach einer normalen oder gestörten Persönlichkeit zeigt sich, dass nicht nur zunächst eine Persönlichkeit im Sinne der vier benannten Persönlichkeitsmerkmale vorliegen muss, welche dann distanziert betrachtet werden kann. Sondern die Frage kann überhaupt nur angesichts der steten situativen Verankerung der Persönlichkeit gestellt werden. Denn nur, weil jeder Mensch stets aufgefordert ist, sich in neuen Situationen zu erweisen, kann überhaupt das interpretative Überformen der Situation als die seine misslingen. Dieses Misslingen ist aber das entscheidende Kriterium für ein Fehlgehen der Wandlung der Persönlichkeit. Dabei gilt offenbar, dass eine exakte Wiederkehr seiner selbst das interpretative Überformen der aktuellen Situation tendentiell häufiger misslingen lässt, da die Situation dann nicht in ihrer Eigenart aufgenommen werden kann. Die Persönlichkeit erscheint in solchen unangemessen und widersprüchlich überformten Situationen wenig sinnvoll, unflexibel und ihrerseits unangemessen und widersprüchlich (Satz III). Letzteres trifft im Falle von Persönlichkeitsstörungen zu, in denen der Mensch wie eine Geisel seiner Selbigkeit verstanden werden kann, da die Wandlung der Persönlichkeit fehlgeht. Die eigene Persönlichkeit ist dann nicht mehr der eigene Aktivitätspunkt, sondern wird vor allem passiv erlitten (Satz IV). Dennoch muss sich der Betreffende sich zu sich verhalten, auch wenn er sich nicht spontan verändern kann (Satz I + II). Fassen wir zusammen: Das widersprüchliche und unangemessene Überformen der Situationen im Zu-sich-verhalten ist das entscheidende Kriterium und entspricht einem Fehlgehen der Wandlung der Persönlichkeit. Es ist damit der präreflexive Hintergrund der psychiatrischen Einschätzung als "gestörte Persönlichkeit". So zeigt sich rückblickend, dass eine strenge Verinnerlichung der Persönlichkeit der psychiatrischen Unterscheidung einer normalen oder gestörten Persönlichkeit den entscheidenden Boden entziehen würde, auf dem die Unterscheidung basiert und ohne den sie ihrerseits vollkommen unmöglich wäre. Insofern kann ausgehend von unserer Beschreibung der Persönlichkeitsmerkmale ein Satz für das Merkmal der "Persönlichkeitssstörung" formuliert werden:

V) Jedes potentiell aus psychologisch-psychiatrischer Sicht als "Persönlichkeitsstörung" benennbare Persönlichkeitsmerkmal beschreibt eine fehlende Wandelbarkeit und Flexibilität des eigenen Zu-sich-verhaltens, welches einem häufig widersprüchlichen und unangemessenen Überformen anderweitiger Situationen entspricht und welches nicht spontan verändert werden kann. (Störungsnachweis, Satz V)

Das Merkmal beschreibt, auf welche Weise die Persönlichkeit eines Menschen ihm selbst oder anderen Menschen als "gestört" zu erscheinen vermag. In dieser positiven Formulierung der psychiatrischen Unterscheidung gelingt demnach die Anerkennung der Subjektivität des Betroffenen in genau dem Sinne, wie sie durch den psychologisch-psychiatrischen Diskurs vorgegeben ist. Sie geht aber insofern darüber hinaus, da dieser Störungsnachweis eben als ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal formuliert wird. Hierin wird der Möglichkeit des Betroffenen, seine "Persönlichkeitsstörung" so zu einer Lebensform zu stilisieren, dass aus seiner Sicht eine Behandlung weder notwendig noch sinnvoll erscheint, in vollem Umfang Rechnung getragen.

7. Diskussion

Die hier unternommene Rehabilitierung der Subjektivität hinsichtlich der Frage nach der normalen oder gestörten Persönlichkeit zeigt, dass erst die subjektive Einschätzung des Betroffenen oder seiner nächsten Gemeinschaft uns sinnvollerweise von einer "gestörten Persönlichkeit" sprechen lässt. Dabei zeigt sich, dass ganz allgemein der betroffene Mensch den psychiatrischen Diskurs mit Hilfe seiner Subjektivität korrigiert, da der psychiatrische Diskurs immer wieder an einer in die Innerlichkeit eingegrenzten Selbigkeit des Menschen ansetzt. Ebensosehr wie also der psychiatrische Diskurs die subjektive Selbsteinschätzung des betroffenen Menschen unterminiert, kritisiert und bezweifelt der betroffene Mensch den psychiatrischen Diskurs.

Den Hintergrund der psychiatrischen Unterscheidung einer normalen oder gestörten Persönlichkeit bildet dabei das widersprüchliche und unangemessene Überformen aktueller Situationen im Zu-sich-verhalten, welches einem Fehlgehen der Wandlungen der Persönlichkeit entspricht. Es ist also gerade das "Kernstück" der Subjektivität (nämlich das Zu-sich-verhalten), welches zu einer Störung führt, die dann aus psychiatrischer Sicht als "Persönlichkeitsstörung" bezeichnet wird. Dabei bildet die situative Verankerung der Persönlichkeit den präreflexiven Hintergrund für dieses Fehlgehen und damit für die psychiatrische Unterscheidung einer normalen oder gestörten Persönlichkeit.
Wesentlich für die Anerkennung der Subjektivität im Verständnis der Persönlichkeit ist also gerade, dass der aus psychiatrischer Sicht als "persönlichkeitsgestört" eingeschätzte Mensch durchaus in der Lage sein kann, seine Eigenarten zur Lebensform zu stilisieren. Sicherlich kann diese Lebensform scheitern oder aber mit einem hohen Leidensdruck verbunden sein, beispielsweise in seiner Interpersonalität (z.B. Partnerschaft). Dennoch bleibt die Selbsteinschätzung des Betroffenen sinnvollerweise auch für die psychiatrische Einschätzung das zentrale Kriterium, da eine Persönlichkeit nur dann als gestört zu erscheinen vermag, wenn sie anderen Menschen oder dem betreffenden Menschen auch tatsächlich als gestört erscheint.

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Priv.-Doz. Dr. med. Jann E. Schlimme M.A.
Privatdozent und Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Zentrum für Seelische Gesundheit
Medizinische Hochschule Hannover
30625 Hannover, Deutschland
E-Mail:
schlimme.jann@mh-hannover.de




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