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Deutsch

Geschichtlichkeit und Aktualität der Theorie des Wahns in der Allgemeinen Psychopathologie von Karl Jaspers


Burkhart Brückner
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 (2009), Ausgabe 2]

Zusammenfassung

Die Theorie des Wahns in der Allgemeinen Psychopathologie von Karl Jaspers (1883-1969) hat die internationale Wahnforschung nachhaltig beeinflusst. Die Bezugspunkte der Diskussionen werden in diesem überarbeiteten Eröffnungsvortrag des Oldenburger Symposiums (11./12. Juli 2008) zu Jaspers' 125. Geburtstag dargestellt. Untersucht werden Jaspers' zentrale Aussagen zum Wahn, ihr historischer Entstehungskontext und die wirkungsgeschichtlichen Linien. Jaspers kann als Vordenker einer pluralen Psychiatrie gelten. Seine kantianische Grundhaltung führte in der Theorie des Wahns zu exemplarischen Verhältnisbestimmungen des Endogenitätsproblems mit typischen, bis heute diskutierten Widersprüchen. Dies betrifft u.a. erstens das Verhältnis des verstehbaren, "sekundären Wahns" gegenüber dem "unverständlichen" "primären Wahn", zweitens die Bestimmung der Lücken der psychopathologischen Erkenntnis bei gleichzeitiger Tendenz zu somatischen Hypothesen, drittens das Problem der wissenschaftlichen Definition des Wahns und viertens die Bedeutung der existenzphilosophischen Überarbeitung der Allgemeinen Psychopathologie von 1946. Jaspers versuchte die Einheit der Psychiatrie trotz des Gegensatzes zwischen Verstehen und Erklären zu wahren - mit bleibenden Erfolgen wie bezeichnenden Widersprüchen an den Grenzen einer solchen Reform der Psychopathologie "von innen".

Schlüsselwörter: Wahn, Jaspers, Psychopathologie, Geschichte, Philosophie.

Abstract

Historicity and actuality of the theory of delusion in the General Psychopathology by Karl Jaspers
The theory of delusion in the General Psychopathology by Karl Jaspers (1883-1969) has deeply influenced the international research on delusions. The reference points of the debates are presented in this revised opening lecture of the Oldenburg Symposium (11./12.7.2008) on the 125th Birthday of Karl Jaspers. His theory of delusion will be reconstructed and assessed in its historical context. Jaspers can be seen as a pioneer of a pluralistic psychiatry. His Kantian attitude has led him to formulating a concept of delusion as an attempt to solve the psychopathologic problem of endogeneity but with typical contradictions, which are still being discussed today. This concerns: the concept of "primary", unintelligible delusions in relation to the concept of intelligible "secondary delusions"; the determination of the limits of psychopathologic knowledge in relation to the tendency to somatic hypothesis; the problem of defining delusions; and the importance of the philosophical revision of the General Psychopathology in the year 1946. Jaspers wanted to protect the unity of psychiatry despite the gap between understanding and explaining - with lasting success as well as illuminating contradictions at the periphery of such a reform of psychopathology "from the inside."

Key words: delusion, Jaspers, psychopathology, history, philosophy.

Einleitung

"Der Wahn galt durch alle Zeiten als das Grundphänomen der Verrücktheit, wahnsinnig und geisteskrank als dasselbe" - schreibt Karl Jaspers (1946, S. 78) in der letztgültigen Fassung seiner Allgemeinen Psychopathologie. Dieses "Urphänomen" sei eine der "Grundfragen der Psychopathologie". Wie kaum ein anderes Thema erschloss ihm das Wahnproblem die wissenschaftliche Relevanz der Psychiatrie. Mit dem gesamten Buch, so der designierte Rostocker Ordinarius Oswald Bumke (1914, S. 50) in einer Rezension der Erstauflage von 1913, habe Jaspers sich "mit einem Schlage einen dauernden Platz in der Geschichte unserer Wissenschaft erobert".

Bis heute gilt das psychiatrische Frühwerk des Philosophen als epochal, wenn auch der (neo-) kraepelianischen Psychiatrie als historisch unterlegen. Ihre Bedeutung verdankt die Allgemeine Psychopathologie einem in der Psychiatrie des deutschen Kaiserreichs völlig neuartigen methodologischen Ansatz. In der Theorie des Wahns bündeln sich die Grundgedanken des Gesamtwerks, sie beeinflusst bis heute die Diskussionen der internationalen Wahnforschung. Die Grundlage der folgenden Darstellung ist die vierte Auflage der Allgemeinen Psychopathologie von 1946, dort finden sich nicht nur sämtliche Grundgedanken der Erstauflage, sondern auch die existenzphilosophischen Erweiterungen aus der Sicht des reifen Philosophen, die hier ebenfalls mit einbezogen werden.1

Was also ist aktuell geblieben von Jaspers' Wahntheorie? Wo vermag sie der heutigen Forschung Impulse zu geben? Was ist überholt? Solche Fragen können nur auf der Grundlage eines klaren Verständnisses dieser Wahntheorie selbst beantwortet werden. Dies ist das Ziel des folgenden Textes; ich skizziere zunächst das Wissenschaftsverständnis von Jaspers, beschreibe die psychiatriehistorische Situation um 1910, rekonstruiere die zentralen Grundgedanken der Wahntheorie in der Fassung von 1946 und schätze abschließend ihre gegenwärtige Bedeutung ein.

I. Psychopathologie als Wissenschaft - Verstehen und Erklären

Gegenstand der Psychopathologie war für Karl Jaspers (1946, S. 2) das "wirkliche bewusste psychische Geschehen" in seiner pathologischen Ausprägung. Auf der Grundlage eines kritisch reflektierten Krankheitsbegriffs, der somatische Prozesse, psychische Auffälligkeiten und soziale Abweichung einschloss (Jaspers 1946, S. 3 u. 660), sollten die Erscheinungsformen und Bedingungen der Störungsphänomene erschlossen werden. Ziel des Werks sei die "Klärung, Ordnung, Bildung" des gesamten psychopathologischen Stoffs durch dessen systematische, methodologische Gliederung (Jaspers, 1946, S. 33 ff.). Als Kliniker stand Jaspers in Heidelberg auf dem Boden einer naturwissenschaftlichen Ausbildung, Sigmund Freuds (1856-1939) Tiefenhermeneutik lehnte er ab (vgl. Warsitz 1987). Denn die Psychoanalyse überdehne das Verstehen am Modell der Hysterie in die Psychosentheorie und sei insgesamt, wie Jaspers (1931, S. 145) später mit einer heiklen Verkennung erklärte, die dritte große "Verschleierung des Menschen" neben "Marxismus" und "Rassentheorie". Demgegenüber verarbeitete er die Methodologien des Verstehens und die positivismuskritischen Wissenschaftstheorien von Wilhelm Dilthey (1833-1911), Max Weber (1864-1920) und Edmund Husserl (1859-1938). So ist sein psychiatrisches Werk im Grunde kantianisch geprägt und dokumentiert die erste Welle der im 20. Jahrhundert geführten akademischen Debatten über die Geltung von Verstehen und Erklären - und damit eine Form der Auseinandersetzung mit der cartesischen Trennung von Körper und Geist.

Der Philosoph aktualisierte seine Allgemeine Psychopathologie mehrmals und gab ihr mit der vierten, während des 2. Weltkriegs verfassten Auflage, ihre endgültige Gestalt. Die existenzphilosophische Überarbeitung von 1941/42 ist zugleich ein Dokument aus der "inneren Emigration" in der Zeit des Nationalsozialismus, als Jaspers und seine jüdische Ehefrau direkt von politischer Verfolgung und Deportation bedroht waren. Nachdem er 1937 mittels des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in den Ruhestand gezwungen worden war, kam die "völlige Neugestaltung" der Allgemeinen Psychopathologie erst 1946 in den Druck. Aber schon in der ersten Auflage hatte er das überkommene Subjekt-Objekt-Verhältnis in der Psychopathologie durch eine systematische, verstehende Analyse der Binnenperspektive der Patienten erweitert. Als Erkenntnismittel nannte Jaspers (1913, S. 21) die "mündliche Exploration" sowie die Analyse von Selbstzeugnissen:

"Dazu kommen als wichtigste Quelle gute schriftliche Selbstschilderungen. [...] Immer müssen wir uns bewußt sein, daß alles in den Selbstschilderungen durch das psychologische Urteil des Kranken uns erst indirekt vermittelt wird, daß der eigentliche Beobachter der Kranke ist. Vor allem haben wir immer zu unterscheiden zwischen dem wirklich Erlebten und dem, was die Kranken deuten, erschließen, hinzudenken."2

Die schwierige Materie erforderte, wie Jaspers (1946, S. 260) später ausführt, eine angemessene Methodik, um sowohl seltene und rätselhafte abnorme Mechanismen des Seelenlebens verstehbar zu machen als auch deren Ursachen zu erschließen. Das Verstehen verdeutliche erst, was allein zu erklären sei. Denn die Hermeneutik stoße unter der Oberfläche des intuitiv Fassbaren an ihre Grenze beim "Stoß an das Unverständliche" der kausalen Faktizität des Somatischen und "Außerbewußten", ebenso wie "vor der Wirklichkeit der Existenz, dessen was der Mensch eigentlich als er selbst ist." (Jaspers 1946, S. 659 f. u. S. 302). Die Beziehungen zwischen dem Subjektiven, Objektiven und Transzendenten galt es zu ordnen und kategorial zu bestimmen.

Nach Jaspers ist das Erklären nicht auf nur somatische Vorgänge beschränkt, auch rein psychische Vorgänge könnten durch Ursache und Wirkung erklärt werden, wenn sie mit körperlichen oder umweltbezogenen Vorgängen verknüpft seien. So entfaltete er neben der "verstehenden Psychologie" auch eine "erklärende Psychologie" hinsichtlich objektivierbarer Organkrankheiten, exogener Ursachen, erblicher Faktoren und Umwelteinflüsse im Sinne eines mehrdimensionalen Kausalverständnisses. Ausführlich werden erbtheoretische Fragen erörtert, dabei sieht Jaspers (1946, S. 441 ff.) die Erfolglosigkeit aller Versuche, einen eindeutigen Erbgang der Psychosen festzustellen und bevorzugt "kritische" Statistiken zur "Wahrscheinlichkeit der Erkrankung".3 Die damalige psychiatrische Genetik entsprach keineswegs seiner Vorstellung von einer wissenschaftlichen Theorie, die Psychisches aus zugrundliegenden "außerbewußten" Vorgängen erklären solle. Denn Theorien basierten für ihn stets auf nachweisbaren, kausalen Determinanten mit dem Ziel naturwissenschaftlicher, gesetzesförmiger Objektivität. Jaspers (1913a, S. 332) formulierte:

"Kausalregeln sind eben Regeln, sind induktiv gewonnen, gipfeln in Theorie, die etwas der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit zugrunde Liegendes denken. Unter sie wird ein Fall subsumiert. Genetisch verständliche Zusammenhänge sind idealtypische Zusammenhängende, sind in sich evident (nicht induktiv gewonnen), führen nicht zu Theorien, sondern sind ein Maßstab, an dem einzelne wirkliche Vorgänge gemessen und als mehr oder weniger verständlich erkannt werden."

Das Erklären sei prinzipiell unbegrenzt, während das Verstehen überall auf Grenzen stoße (Jaspers 1913, S. 147). In diesem Sinne hat Karl Jaspers das Verstehen als Methode der Psychopathologie wissenschaftlich neu definiert. Die qualitative, hermeneutische Methodik erlaube einerseits sozialwissenschaftliche Typenbildungen. Andererseits sei sie Indikator und Motor für die Bildung von experimentell überprüfbaren Kausalhypothesen. In der vierten Auflage der Allgemeinen Psychopathologie erhob Jaspers (1946, S. 648) das Verstehen schließlich zum Vorschein der philosophischen "Existenzerhellung". Gemessen an den eigenen Kriterien, bilden also seine Aussagen über den "echten Wahn" eine Theorie im engeren Sinne: Kausal wirksame, "außerbewusste Prozesse" griffen in das psychische Geschehen ein und riefen "primäre" Wahnphänomene hervor. Bevor ich dieses Modell genauer darstelle, stellt sich die Frage nach seinem geschichtlichen Kontext: In welchem institutionellen Umfeld entstand diese Theorie des Wahns um 1910?

II. Der historische Kontext und die Vorarbeiten zur Theorie des Wahns

Heidelberg war vor dem ersten Weltkrieg eines der Zentren der deutschsprachigen Psychiatrie neben Berlin, München, Tübingen und Zürich. Emil Kraepelin (1856-1926) leitete die Psychiatrische Klinik von 1891 bis 1903, bevor er nach München ging. Unter dem Neurohistologen Franz Nissl (1860-1919) besaß sie um 1910 gut 130 Betten. In Heidelberg begann Jaspers 1906 als dreiundzwanzigjähriger Medizinstudent mit Blutdruckuntersuchungen, legte 1908 seine Dissertation Heimweh und Verbrechen vor, trat im selben Jahr in die Psychiatrische Klinik ein, und publizierte in rascher Folge mehrere programmatische Aufsätze. Nissl hatte ihn aufgrund einer chronischen Bronchialerkrankung von der Hauptlast der klinischen Arbeit freigestellt, so dass er zwar auch praktisch, aber großenteils wissenschaftlich arbeiten konnte. Der Forschungsschwerpunkt der Klinik lag in der Neuroanatomie. Jaspers fand kritische Gesprächspartner und Förderung im Kollegium, dem so bedeutende Psychiater wie Hans-Werner Gruhle (1880-1958), Wilhelm Mayer-Groß (1889-1961), Arthur Kronfeld (1886-1941) und Karl Wilmanns (1873-1945) angehörten (vgl. Janzarik 1986). Das Verhältnis zu seinem Chef Nissl charakterisiert Jaspers (1928; zit. nach Schmitt 1983, S. 46 f.) in einem nachgelassenen, autobiographischen Manuskript folgendermaßen:

"Von Philosophie hielt er wenig; als ich einmal erkältet und blass zu spät zur Visite auf die Abteilung kam, empfing er mich im Kreis der Assistenten: 'Aber Herr Jaspers, was sehen Sie blass aus, Sie treiben zuviel Philosophie, das können die roten Blutkörperchen nicht vertragen.' [...] In diesen Kreis passte ich zu meinem Schmerz nicht ganz hinein, ich blieb in einer etwas unglücklichen Liebe. Meine Schwärmereien wurden leise gedämpft. Man war freundlich zu mir, aber lächelte auch über mich. Ich wurde für cyclothym erklärt, da meine Stimmung wechselnd war, - übrigens eine Diagnose, welche eine hohe Auszeichnung bedeutete, denn, wen man schätzte, der musste irgendwie geisteskrank sein - denn, nach Wilmanns damaliger Definition: normal ist leichter Schwachsinn."

Jaspers respektierte den strengen wissenschaftlichen Geist der Klinik, verblieb aber in einer gewissen Erkenntnisdistanz. Denn die Situation des Fachs war unbefriedigend für ihn. Die Hirnforschung hatte in den 30 Jahren zuvor beträchtlichen Auftrieb erhalten. Ihre radikalen Vertreter spekulierten in der Nachfolge Carl Wernickes (1848-1905) über direkt lokalisierbare Zusammenhänge zwischen Hirnanatomie, Hirnfunktion und psychopathologischen Symptomen. Der führende Kopf der deutschen Psychiatrie, Emil Kraepelin, glaubte daran allerdings nicht. Dies lässt sich auch an seinen Auffassungen zum Wahn zeigen. Um 1900 bezeichnete Kraepelin (1903, S. 212) die Wahnideen als Abkömmlinge des Glaubens und "krankhaft verfälschte Vorstellungen, die der Berichtigung durch Beweisgründe nicht zugänglich sind." Den seit Wilhelm Griesinger (1817-1868) bekannten Kriterien fügte diese Definition nichts hinzu, aber bezeichnend ist Kraepelins (1903, S. 219) pathogenetische Aussage, die Störung der Urteilskraft beruhe auf einer "allgemeinen krankhaften Veränderung der gesamten Hirnleistung" - und eben nicht auf lokalen Läsionen oder Funktionsstörungen.

Kraepelins wichtigster Beitrag zur Wahnforschung betraf indes die sogenannte "Paranoiafrage", den damaligen Brennpunkt der Auseinandersetzungen um die nosologische Verteilung psychotischer Erlebnisformen (vgl. Brückner 2007a, S. 100-131). Die seit Mitte des 19. Jahrhunderts durchgesetzte symptomatologische Orientierung am Querschnittsbild hatte zu einer Flut von immer neuen Krankheitsnamen für die Wahnsyndrome unter dem Oberbegriff der Paranoia geführt. Laut Kraepelin (1904, S. 592 ff.) galten um 1900 bereits 70-80% aller Anstaltsinsassen als Paranoiker. Doch Wahnideen und Halluzinationen allein taugten ihm weder als Klassifikationskriterien noch seien sie prognostisch verwertbar. Am Maßstab seiner bahnbrechenden klinischen Verlaufsbetrachtungen grenzte Kraepelin (1904, S. 595 f.) die Paranoia auf wenige Fälle ein, in denen sich "ganz langsam, ein dauerndes, unerschütterliches Wahnsystem bei vollkommener Erhaltung der Klarheit wie der Ordnung im Denken, Wollen und Handeln" heraus entwickelt. Damit war der Weg frei für die Unterscheidung von exogenen, endogenen und psychogenen Störungen sowie der beiden Kategorien "manisch-depressives Irresein" und "Dementia praecox". Diese nosologische Struktur bestimmt im Prinzip auch heute noch die internationalen Diagnosenschlüssel. Galt der Wahn zuvor als die Krankheit selber, trat nun endgültig die Differenz zwischen Symptom und Grundstörung in den Vordergrund. Das Kriterium des Wahns war nicht länger konstitutiv für die wichtigsten, grundlegenden Krankheitseinheiten.

So verwundert es nicht, dass Karl Jaspers' erster größerer Beitrag zur Wahnforschung 1910 der "Paranoiafrage" gewidmet war. Sein Aufsatz über den Eifersuchtswahn beginnt mit einem langen Plädoyer für biographische Fallgeschichten, führt davon sieben vor, und läuft auf die kategoriale Unterscheidung zwischen "Prozeß" und "Persönlichkeitsentwicklung" hinaus. Denn eines der psychopathologischen Grundprobleme sei es, zu begreifen, wie Neues in der Lebensgeschichte auftreten könne. Im Lauf einer normalen Entwicklung der Persönlichkeit seien biographische Veränderungen und Brüche in die Einheit der Person integrierbar. Selbst milde Wahnphänomene könnten durch situative Anlässe und die Struktur der Persönlichkeit verstehbar werden. Ganz anders aber bei "Prozessen", dort bräche radikal Fremdes ein, das gesamte Verhalten verwandle sich dauerhaft (Jaspers 1910, S. 116 ff.). Diese Umwandlungen beruhten entweder auf "physisch-psychotischen Hirnprozessen", die ein "sinnloses Durcheinander" psychischer Phänomene hervor riefen, etwa bei organisch begründbaren Delirien, oder aber auf "psychischen Prozessen" mit uneinfühlbaren, aber psychologisch typischen, noch völlig unerforschten, reaktiven Verlaufszusammenhängen - wie bei einigen Fällen von Schizophrenie.

Eine Grenze verliefe also zwischen den Persönlichkeitsentwicklungen einerseits und den physischen oder psychischen "Prozessen" andererseits: Immer, so Jaspers (1946, S. 548) später, gebe es einen "abgründigen Unterschied zwischen Persönlichkeit und Prozeßpsychose". Diese Differenz ist fundamental, von dort aus entfaltete er die Grundgedanken seines Werks. So, wie Jaspers (1913, S. 8 ff.) ätiologisch einseitige "Hirnmythologien" ablehnte, verurteilte er auch allein psychogenetische Positionen. Tatsächlich gewannen damals psychologische Momente in der Psychosentheorie an Gewicht, etwa in Robert Gaupps (1870-1953) im Jahr 1914 publizierter forensischer Darstellung des Massenmörders Ernst August Wagner (1874-1938). Schon 1911 erschien Sigmund Freuds paradigmatische Analyse von Daniel Paul Schrebers (1842-1911) Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Ebenfalls 1911 reformierte der psychodynamisch aufgeschlossene Eugen Bleuler (1857-1939) in Zürich die Lehre von der "Dementia praecox" zur Schizophrenietheorie. Ist es Zufall, dass Jaspers im selben Jahr von Wilmanns aufgefordert wurde, eine allgemeine Psychopathologie zu schreiben? Innerhalb von zwei Jahren war das Buch fertig. Der einst skeptische Nissl zeigte sich begeistert und schlug die Habilitation vor, die dann auf Anregung von Max Weber bei Wilhelm Windelband (1848-1915) an der Philosophischen Fakultät für das Fach Psychologie 1913 auch durchgeführt wurde. Wie versuchte Jaspers nun in diesem "Leitfaden für Studierende, Ärzte und Psychologen" den Wahn zu bestimmen?

III. Die vier Ebenen der Wahnforschung

Die zentralen Bestimmungen des Wahns umfassen in der vierten Auflage der Allgemeinen Psychopathologie kaum mehr als 20 Seiten, hinzu kommen verstreute Ausführungen. Jaspers (1946, S. 80) wollte eindringen in das "psychologische Wesen der Wahnideen". Im Rahmen der "seelischen Einzeltatbestände" verortete er den Wahn als eine "Verwandlung in dem umfassenden Realitätsbewusstsein". Nehmen wir eines seiner Beispiele:

"Eine Kranke sieht auf der Straße einen Mann. Sie weiß unmittelbar: es ist ihr Geliebter aus vergangener Zeit. Er sieht zwar ganz anders aus. Er hat sich maskiert durch eine Perücke und andere Veränderungen. Es geht das nicht mit richtigen Dingen zu." (Jaspers 1946, S. 83).

Solche Aussagen, hier Personenverkennungen, könnten laut Jaspers (1946, S. 164) auf vier Ebenen untersucht werden: "leistungspsychologisch, phänomenologisch, genetisch verstehend" sowie im Verstehen des "sinnhaften Gesamttatbestandes".

a) Leistungspsychologie und experimentelle Psychopathologie

Die Leistungspsychologie beschäftige sich mit den quantifizierbaren Aspekten des Psychischen, etwa Wahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz und der Urteilsbildung. In dieser Tradition steht die heutige experimentelle Psychopathologie, die den Wahn unter anderem hinsichtlich Aufmerksamkeit, Attributionen, schlussfolgerndem Denken oder Metakognitionen erforscht (siehe Moritz & Lincoln 2008; Kunert, Prüter & Hoff 2003). Jaspers hielt Wahnideen für verfälschte Realitätsurteile, also für eine inhaltliche Störung des Denkens und nicht, wie Kraepelin, für einen Glauben. Intelligenz und Bewusstsein seien ungetrübt. Die falschen Urteile könnten durchaus als Leistungsdefizit beschrieben werden, da sie ja, zumindest in der Regel, unwahr seien. Insofern könne man besondere Wahnthemen unterscheiden, etwa personenbezogene wie im Verfolgungswahn, oder objektbezogene wie im Erfinderwahn. Letztlich zeige die Leistungspsychologie aber geradezu ex negativo, dass es sich, angesichts der oft rational ausgeklügelten Wahnsysteme, keineswegs um eine Störung in der Leistungsfähigkeit des Denkens handele. Außerdem gebe es durchaus logisch wahre Wahnideen, z.B. beim Eifersuchtswahn. Wichtig sei vielmehr, wie die fragliche Überzeugung begründet werde. Der Wahn teile sich zwar in Urteilen mit, komme aber, wie Jaspers (1946, S. 164) betonte, "aus einer Tiefe", die "nicht selber Urteilscharakter" habe. Der leistungspsychologische Zugang führte ihn also nicht weiter. Weiteren Aufschluss sollte die phänomenologische Deskription bringen.

b) Das phänomenologische Verstehen und die Wahnkriterien

Durch einfühlende Vergegenwärtigung, kritische Sichtung und Ordnung des Materials ergebe sich laut Jaspers (1946, S. 48) ein phänomenologischer Befund ähnlich wie durch naturwissenschaftliche Beobachtung:

"In der Histologie wird verlangt, man solle sich bei der Hirnrindenuntersuchung von jedem Fädchen, jedem Körnchen Rechenschaft geben. Ganz analog fordert die Phänomenologie, man soll sich von jedem seelischen Phänomen, jedem Erlebnis Rechenschaft geben, das in der Exploration der Kranken und ihren Selbstschilderungen zutage tritt."

Diese empirische Phänomenologie benötigte weder Husserls philosophisch-phänomenologische Wesensschau noch Freuds Tiefenhermeneutik. Sie ist für Jaspers (1946, S. 22 f.) der Ausgangspunkt, um sich die psychopathologischen "Einzeltatbestände" im Erleben der Patienten zu vergegenwärtigen und sie begrifflich voneinander abzugrenzen. Damit verwirft er Kraepelins positivistische, von außen vorgenommene Urteilsbildung und greift Edmund Husserls phänomenologische Methode auf. Ohne Husserls (1913, S. 63 ff.) entsprechenden Begriff der "epoché" zu erwähnen, geht es Jaspers um die vorurteilsfreie Beschreibung der aktuellen Gegebenheiten des Bewusstseins - und zwar durch "Vergegenwärtigung" der mündlichen und schriftlichen Äußerungen der Patienten. Aber wie weit geht die Begegnung zwischen Arzt und Patient? Laut Jaspers (1946, S. 47) basiere seine Methodik zwar auf Husserls "deskriptiver Psychologie", umfasse aber nicht dessen transzendentalphilosophisches Anliegen einer Konstitutions- und Wesensanalyse des Bewusstseins. Da er sich mit krankhaftem Seelenleben beschäftigt, kann er die Psychopathologie eben nicht am Vorbild von Husserls reflexiver Bewusstseinsanalyse vom Standpunkt erster Person aufbauen, sondern benötigt, wie Luft (2008, S. 47) treffend herausgearbeitet hat, einen externen Maßstab der Normalität, also des "Durchschnitts", um abnorme Tatbestände als solche identifizieren zu können. Somit fließen erstens normative Maßstäbe in die Beschreibungen mit ein, zweitens bleibt die intersubjektive Qualität der Begegnung fragwürdig (vgl. Luft 2008; Blankenburg 1986, S. 138) und drittens wird die Phänomenologie zur Hilfswissenschaft und ist von der philosophischen Phänomenologie klar zu unterscheiden. Gleichwohl möchte Jaspers in durchaus philosophischer Weise wiederkehrende und invariante Formen der Erfahrung des Bewusstseins herausarbeiten (z.B. Wahrnehmung, Ichbewusstsein, Triebe, Urteilsakte). So schreibt Jaspers (1912, S. 327) in dem Aufsatz Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie:

"Die Phänomenologie lehrt uns nur die Formen kennen, in denen alles Erleben, alles seelisch Wirkliche geschieht, sie lehrt uns nicht die Inhalte des persönlichen Einzelerlebens und nicht die außerbewußten Grundlagen kennen, auf denen dies Seelische wie der Schaum auf dem Meere als dünne Oberfläche schwimmt."

Die bekannten Kriterien des Wahns umschreiben eben eine solche, phänomenologisch erkannte Form des Subjektiven als Wahn. Um Überzeugungen als Wahn zu bezeichnen, sollten laut Jaspers (1946, S. 80) drei Merkmale erfüllt sein. Die Personen müssten an ihren Denkweisen erstens mit "außergewöhnlicher Überzeugung" und "unvergleichlicher subjektiver Gewissheit" festhalten. Zweitens sollten sie durch "Erfahrung" und "zwingende Schlüsse" unbeeinflussbar bestehen bleiben und drittens inhaltlich "unmöglich" sein. Diese Merkmale entfachten eine erstaunliche Wirkungsgeschichte und laufen auf die Forderung nach validen und reliablen Kriterien für die Diagnostik und Erhebungsinstrumente hinaus (vgl. Kraus 2008, S. 132 ff.; Bell, Halligan & Ellis 2006). Das Kriterium der "Unmöglichkeit des Inhalts" gilt inzwischen als situations-, sozialisations- und kulturabhängig und wird übereinstimmend als effektives Wahnkriterium abgelehnt. Die beiden anderen werden unter dem Titel "Unkorrigierbarkeit" zusammengefasst. Bereits Jaspers hielt die Verselbständigung des Denkens, das sich der Verfügung des Subjekts entzieht, für das eigentliche Rätsel. Dabei müssen solche Phänomene gegenüber Irrtümern, Zwangsgedanken, überwertigen Ideen, ideologischen Denkweisen oder religiösen Initialvorstellungen sicher abgegrenzt werden. Diese Aufgabe ist bekanntlich bis heute nicht überzeugend gelöst worden (vgl. David 1999). Forschungspraktisch orientiert man sich an der weiten Nominaldefinition des DSM (APA 2003), darüber hinaus fehlt eine Realdefinition des Wahns. Deshalb wird die Wahndiagnose häufig auf normabhängige Verständigungskriterien und gegenstandsfremde Außenkriterien gestützt, etwa den Gesamtzustand, weitere Symptome oder ordnungsrechtliche Aspekte. So gesehen, weisen Jaspers' Wahnkriterien, die manche als sein wichtigstes Erbe ansehen, gerade auf die erhebliche Schwierigkeit hin, den Wahn formal zu definieren.4 Eine solche formale Definition wird durch Jaspers' Betrachtung des Wahns als Gewissheitserleben nahe gelegt und wäre für eine Psychopathologie interessant, die klare kategoriale Trennungen zwischen gesund und krank anstrebt und Krankheitseinheiten identifizieren will. Für den Wahn ist eine Reduktion auf distinkte formale Merkmale jedoch bisher nicht gelungen, was möglicherweise an seiner soziokulturellen Kontextabhängigkeit liegt, die z.B. Scharfetter (2003, S. 64) mit der Formulierung betont, Wahn sei "ein privates und privatives, d.h. der Gemeinschaft entrückendes Konstrukt von Selbst und Welt mit der Folge der Dysfunktionalität". Umso notwendiger dürfte ein erweitertes Wahnverständnis sein, das prozessuale, intersubjektive und kontextbezogene Momente mit einbezieht sowie bedeutungstheoretisch und soziologisch gut untermauert ist. Aktuelle Vorschläge zielen nun auf eine dimensionale Definition des Wahns mit Schwellenwerten für verschiedene Faktoren wie "Überzeugtheit", "Leidensdruck" oder "Stabilität" (vgl. Kronmüller 2009; Opjordsmoen & Retterstøl 2007).

c) Das genetische Verstehen und der "primäre Wahn"

Jaspers hielt sich am Definitionsproblem nicht lange auf, denn die phänomenologischen Kriterien seien nur "vage" und "äußerlich". Tiefer greifen sollte die zweite Art des Verstehens, das "genetische Verstehen" als Methode der verstehenden Psychopathologie im engeren Sinne. Im Mittelpunkt stehe, wie "Seelisches aus Seelischem hervorgeht". Wieder gebe es zwei Seiten: zum einen das "rationale Verstehen" der inhaltlichen Folgerichtigkeit, wie bei einer Argumentation vor Gericht; zum anderen das einfühlende, "psychologische Verstehen", etwa der Verzweiflung eines betrogenen Liebenden. Wolfgang Blankenburg (1928-2002; 1986, S. 140), einer der besten Kenner der Materie, fasste dies so zusammen: "'Verstanden' werden soll nicht allein, was ein Mensch erlebt und wie er es erlebt, sondern warum er etwas hier, jetzt so erlebt." Nun ist auch inhaltliches Verständnis erforderlich, das Miterleben und Nachvollziehen eines Entstehungszusammenhanges, und zwar am Maßstab der subjektiven Evidenz, also dahingehend, wie einsichtig die subjektiven Begründungszusammenhänge erscheinen.

Hier liegt das Zentrum dieser Wahntheorie. Bei allen fraglichen Aussagen stellten sich laut Jaspers (1946, S. 81) zwei Probleme: Zum einen, was dabei das "primäre durch die Krankheit gegebene Erleben" sei und zum anderen, was "sekundär, aus jenem Erleben verständlich hervorgegangen" sei. Diese Differenz entspricht seiner epistemologischen Trennung zwischen "unmittelbaren Realitätsgewissheiten" und dem gedanklich verarbeiteten Erleben. Dementsprechend unterschied er zwei große Klassen, nämlich erstens die im Ursprung unverständlichen "echten Wahnideen", und zweitens die psychologisch verstehbaren "wahnhaften Ideen".

Welche Phänomene galten als sekundär und verstehbar? Es handele sich um Einfälle, die entweder aus Motiven, Affekten, Bewusstseinsstörungen, Halluzinationen oder Persönlichkeitsstörungen ableitbar seien oder aber aus primären Erlebnissen hervorgingen. Deshalb galt der depressive oder manische Wahn lange nicht als "echter" Wahn, denn sein Auftreten sei eben durch die Steigerung der Gefühlslage verständlich. Noch im DSM-IV überdauert das Konzept unterschwellig, wenn dort vom "stimmungskongruenten", prognostisch günstigeren Wahn bei affektiven Psychosen die Rede ist (Spitzer 1989, S. 46).

Was aber versteht Jaspers unter "primärem" Wahn? Charakteristisch sei die radikale Verwandlung des Realitätsbewusstseins. Die Evidenz solcher Erfahrungen sei überwältigend, oder - mit Jaspers (1946, S. 83): "Das Bedeutungsbewusstsein erfährt eine radikale Verwandlung. Das unmittelbar sich aufzwingende Wissen von den Bedeutungen ist das primäre Wahnerlebnis." Diese Art von Erfahrung, die Abwandlung des Realitätsbewusstseins samt unmittelbarer, abnormer Bedeutungssetzung, konnte er "psychologisch nicht mehr weiter zurückverfolgen", es handele sich um "phänomenologische Letztheiten". Zusammenfassend schrieb Jaspers (1946, S. 165):

"Phänomenologisch zeigte sich im Wahn ein ihm zugrunde liegendes, dem Gesunden radikal fremdes Erleben, etwas Primäres, das vor dem Denken liegt, wenn es auch nur im Denken sich selber hell wird. Dieses Primäre ist wiederum nicht erschöpft mit dem, was als einbrechendes Einzelerlebnis im Bewußtsein als ein Phänomen unter anderen auftritt. Eines solchen Phänomens würde der Kranke kritisch Herr werden können. Das Primäre muss im Zusammenhang stehen mit einer radikalen Verwandlung der Persönlichkeit, ohne die die Unüberwindlichkeit des Wahns, seine im Wesen gegenüber allen Irrtümern andersartige Unkorrigierbarkeit unbegreiflich wäre."

Die einfühlende Hermeneutik stößt anscheinend an eine irreduzible Grenze. Systematisch unterschied Jaspers (1946, S. 82 ff.) eine Reihe von "primären" Phänomenen mit zum Teil bis heute gebräuchlichen Begriffen. So kannte er erstens die bereits Ende des 19. Jahrhunderts beschriebene "Wahnstimmung" (Hagen 1870, S. 63 ff.), also das manche Wahnentwicklungen einleitende, bedrohliche Gefühl der Entfremdung, das später den Ausgangspunkt von Klaus Conrads (1905-1961; 1958) gestaltpsychologischer Wahntheorie bildete. Zweitens beschrieb er die in den fünfziger Jahren von Kurt Schneider (1887-1967; 1955) und Paul Matussek (1919-2003; 1953) analysierte "Wahnwahrnehmung", also die augenblickliche, wahnhafte Bedeutungssetzung bei klarer sinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit. Drittens definierte er die "Wahnvorstellung" als Einfall über eine neue Bedeutung von Erinnerungen. Viertens benannte er die "Wahnbewußtheit" als wahnhaft bedeutsamen Vorgang ohne sinnliches Korrelat. In der Auseinandersetzung der Person mit der Welt verdichteten sich die Wahnideen zu "Wahnthemen" und würden in der "Wahnarbeit" zu widerspruchsfreien Wahnsystemen organisiert.

In die Krankheitslehre umgemünzt, fand Jaspers solche "primären" Phänomene insbesondere bei schizophrenen Psychosen vor. Die resultierende Einengung der Wahndiagnose störte ihn offensichtlich nicht, zumal sie in der Folge auch als hilfreich im Sinne diagnostischer Spezifität empfunden wurde. So gehört Kurt Schneiders (1955) Konzept der Symptome "ersten Ranges" in diese Tradition. Um den Kreis zu schließen: Der primäre Wahn ist für Jaspers ein Kardinalsymptom der "Prozeßpsychose". Zwar könnten Schizophrenien auch reaktiv ausgelöst werden, aber nur "Prozesse" böten dafür eine Disposition. Inhaltlich war für Jaspers (1946, S. 165 u. 343) durchaus nachvollziehbar, dass ein Wahn von irgendeiner unerträglichen Last befreit, bestimmte Interessen erfüllt, oder fundamentale Konflikte zwischen Wunsch und Realität widerspiegeln kann - aber sobald sich das Verstehen auf die Genese beziehe, sei die Wahndiagnose aufgehoben. Wo Wahn sei, gebe es kein genetisches Verständnis, und wo man seine Entstehung verstehen könne, sei kein Wahn. Unverständlich seien nicht die Inhalte des Wahns, sein "Sosein", wie Kurt Schneider formulierte, sondern das Auftreten, sein "Dasein". Diese apodiktische Position wird als "Jaspers-Theorem" oder "Unverständlichkeitspostulat" bezeichnet. Ich gehe darauf noch abschließend ein und komme zum vierten von Jaspers angesprochenen Aspekt der Wahnforschung.

d) Die Sinnhaftigkeit des Wahns

Der letzte, von Jaspers (1946, S. 165) nur kurz erwähnte Gesichtspunkt bezieht sich auf das Verstehen des "sinnhaften Gesamttatbestandes" des Wahns. Er zielte damit sowohl auf die individuelle Bedeutung des Wahnerlebens als auch auf seine kulturelle Substanz. Damit ist mehr gemeint als nur die funktionale Dynamik eines Wahnhaftigkeit hervorbringenden psychischen Mechanismus'. Es geht nicht nur um den psychologischen Sinn eines Wahns als irgendein Surrogat des Daseins. Jaspers holt vielmehr aus zur anthropologischen Anerkennung des Wahns als menschliche Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erleben. Denn als Ganzes gestalte der Wahn "dem Träger eine Welt", offenbare "Gehalt", "Stil" und Wesentliches. Und in der "Ausarbeitung" werde er zur "geistigen Schöpfung". Damit wird das "Urphänomen" des Wahns trotz seines pathologischen Charakters in seiner realitätsgestaltenden Bedeutung anerkannt.

Diesen Aspekt vertieft Jaspers in seinem 1922 erschienen pathographischen Essay Strindberg und van Gogh. Für beide Künstler glaubt er angesichts ihrer biographischen Brüche und des Stilwandels in den Werken im Vergleich mit Emanuel Swedenborg (1688-1772) und Friedrich Hölderlin (1770-1843) eine schizophrene Erkrankung belegen zu können: "Bei Strindberg und Swedenborg hat die Schizophrenie wesentlich nur stoffliche, materielle Bedeutung im Werk, bei Hölderlin und van Gogh ist die innerste Form, das Schaffende selbst von ihr mitbedingt" (Jaspers 1922, S. 220). Erstere würden die schizophrenen Erfahrungen im Werk aufnehmen und ihre Intelligenz "in den Dienst des Wahns" stellen (Jaspers 1922, S.119), ohne dass es zur Zerstörung der Persönlichkeit käme, letztere schöpften zunächst "aus der Aufwühlung der Seele heraus" (Jaspers 1922, S.162), aber gingen darin letztlich unter. Aus heutiger Sicht ist die umstandslose diagnostische Einordnung fragwürdig und normativ (vgl. Mundt 2007, S. 186 f.). Doch Jaspers (1922, S. 230) erkennt einen spezifischen Einfluss des schizophrenen Erlebens auf das Werk: "Wir sehen das Tiefe, Offenbare dort, wo es echt ist, aber wir sehen es bei den Schizophrenen in unnachahmlicher, unvorbildlicher Gestalt". Selbst im gewöhnlichen Kunstschaffen von Anstaltspatienten spürt Jaspers (1946, S. 245) den "Drang, das Ganze, ein Weltbild, das Wesen der Dinge zur Darstellung zu bringen." Die besondere Totalität der schizophrenen Sinngebung wird dem verstehenden Psychopathologen anhand der kreativen Produkte der Patienten deutlich, sei es angesichts ihrer Selbstschilderungen oder auch durch manche Kunstwerke, diese "erstaunlichen Sachen" (Jaspers 1922, S. 221), die heutzutage im Museum Sammlung Prinzhorn auf dem Gelände der Heidelberger Universitätsklinik zu sehen sind.

IV. Die Aktualität der Jaspers'schen Wahntheorie

Die Theorie des Wahns von Karl Jaspers ist in vieler Hinsicht nur noch als geschichtliches Ereignis zu begreifen, aber sie ist auch in wesentlichen Problemstellungen aktuell geblieben. Seine Allgemeine Psychopathologie ist ein Grundlagenwerk der modernen Psychiatrie, das im Kontext der Reorganisation des Fachs zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand. Im Kreis der Heidelberger Klinik war Jaspers in der Lage, das tradierte psychopathologische Denken mit geisteswissenschaftlichen Akzenten zu verbinden, um sowohl dem positivistischen Biologismus als auch der spekulativen Hermeneutik entgegenzutreten. Die phänomenologische Ausrichtung der Heidelberger Schule ist großenteils auf seine Wirkung zurückzuführen.5 Die verstehende Psychopathologie nach Jaspers wurde vornehmlich in Europa rezipiert,6 insbesondere im deutschsprachigen Raum bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein (vgl. Berner 1986; Huber 1982). Nach der kognitiven Wende in der Psychologie und dem Ausbau der behavioralen, neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung wird nun das, was Jaspers "Leistungspsychologie" nannte, mit der experimentellen Psychopathologie theoretisch und technologisch weiter geführt und in der Verhaltenstherapie des Wahns umgesetzt (Lincoln & Rief 2007). Vitale Ansätze des Verstehens existieren in der sozialwissenschaftlichen und psychotherapeutischen Forschung über die Psychosen und diese Ansätze beziehen sich, anders als bei Jaspers, auch auf die Kontexteinflüsse der klinischen Situation, soziale Faktoren und familiäre Beziehungen sowie auf die psychische Konflikt- und Strukturdynamik (vgl. z.B. Mentzos 2009). Dabei schöpft insbesondere die psychiatrische Psychopathologie heutzutage kaum noch aus großangelegten Kasuistiken, wie Jaspers sie vorbrachte, und bisweilen wird ihr Status als grundlegende wissenschaftliche Disziplin insgesamt in Frage gestellt.7 Das traditionelle psychopathologische Denken ist geronnen im Beschreibungswissen der multiaxialen, operationalen Klassifikationssysteme.

Neben den nach wie vor geläufigen Wahnkriterien ist vor allem das Unverständlichkeitspostulat intensiv diskutiert worden (vgl. Kupke 2008; Walker 1991; Glatzel 1986). Zur Verteidigung ließe sich sein diagnostischer Wert, die Klärung der Methodenfrage, seine Funktion als heuristisches Prinzip oder die Schnittstellen zu neurokognitiven Konzepten anführen. Andererseits kann es als dogmatisch, subjektivistisch, formalistisch, zirkulär und antitherapeutisch kritisiert werden. Trotzdem behauptete es sich bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Heutzutage spielt es für die Diagnostik der Schizophrenie keine Rolle mehr, allenfalls in der älteren Orientierung an Kurt Schneiders "Erstrangsymptomen" (u.a. dialogische Stimmen, Zoenästhesie, Wahnwahrnehmung, Gefühl des "Gemachten"), wobei Bleulers "Grundsymptome" (Störungen des Denkens, Antriebs und Affekts) eine profunde Alternative darstellen. An die Tradition der phänomenologischen Psychopathologie knüpften seit den fünfziger Jahren Vertreter der anthropologischen Psychiatrie an, etwa mit Arbeiten über die Beziehung zwischen den Störungsphänomenen und der transzendentalen Organisation von Intentionalität und Intersubjektivität (Blankenburg 1971). In dieser Linie hat Erich Wulff (1995, S. 158 ff.) in den neunziger Jahren das Jaspers-Theorem subjekttheoretisch reformuliert: In Anlehnung an Jaspers' Begriff des "psychischen Prozesses" erklärt er die "Unverständlichkeit" des Wahns zum Produkt eines typisch schizophrenen Akts der "Aberkennung" des für jedwede Intersubjektivität konstitutiven Zusammenhangs von Sinn und Bedeutung. Der Eindruck der Unverständlichkeit des Wahns lasse sich also in der Begegnung mit schizophrenen Menschen geradezu als eine "Botschaft" lesen, nämlich als Indikator einer basalen Störung der subjektiven Möglichkeit, Intersubjektivität zu konstituieren (Wulff 1995, S.174). Darüber hinaus ergab sich noch vor Kurzem eine Debatte über den "primären Wahn" zwischen den Befürwortern kategorialer Trennungen und den Verfechtern eines Kontinuums zwischen Störung und Normalität (vgl. Owen, Harland, Antonova & Brome 2004; Jones / Delespaul & van Os 2003; Mullen 2003).

So gibt es auch zahlreiche Hinweise zur Aktualität des Jaspers'schen Denkens. Im Grunde versuchte er, das Endogenitätsproblem im Allgemeinen mit der Unterscheidung zwischen "Prozeß" oder "Persönlichkeitsentwicklung" und im Besonderen durch die Differenz zwischen "primärem" oder "sekundärem" Wahn vor dem Hintergrund des damaligen Wissens zu Ende zu denken. Das Unverständlichkeitspostulat zeigt im Wesentlichen die Grenze des spezifisch klinischen, psychopathologischen Blicks und damit auch den leeren epistemologischen Status des Begriffs der Endogenität. Die Jaspers eigene kantianische Unbestechlichkeit, offene Fragen als solche zu benennen, wird allerdings unterlaufen, wenn er letztlich selbst dem rationalistischen Sog in die Welt der Notwendigkeit des Erklärens nachgibt, so, wie auch Kant (1798, S. 147) die "wesentliche und unheilbare Unordnung" des Wahnsinns nur als Ausdruck eines angeborenen Unvermögens der Individuen zu begreifen vermochte. Die Jaspers'sche Methodologie tendierte zur Dominanz über ihren Gegenstand und geriet in Gefahr, vom geläufigen somatischen Optimismus in der Psychosentheorie vereinnahmt zu werden. Bei seinen Epigonen, etwa Kurt Schneider, ist diese Tendenz zur Vereinfachung der ätiologischen Probleme noch deutlicher. Jaspers aber blieb durchaus ambivalent und im Ansatz plural - darin liegt seine eigentliche Aktualität. Sofern Verstehen und Erklären kombinierbar seien, beziehe sich die Methodik stets auf unterschiedliche Aspekte des Gegenstands und ließe in der Verallgemeinerung nicht nur den Begriff des "somatischen Prozesses" sondern auch den des "psychischen Prozesses" zu.8 Weil Jaspers sich der Vorläufigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis bewusst war, Übergänge, Grenzen und offene Fragen betonte und Verstehen wie Erklären in den Entwurf einer möglichst gegenstandsangemessenen Theorie des Wahns integrierte, kann man ihn als Vordenker einer pluralen, mehrdimensionalen Psychiatrie ansehen (vgl. Rinofner-Kreidl 2008; Ghaemi 2007; Schmidt-Degenhard 2004).

Die von Jaspers aufgeworfenen Problemstellungen verweisen schließlich auf bewusstseinstheoretische Fragen: Was unterscheidet die Gewissheit der Wähnenden von der alltäglichen Gewissheit der Wahrnehmung und des Denkens? Wo liegen die Unterschiede zwischen Wahn, Glauben und Ideologie? Und wie ist die "radikale Verwandlung" des Bedeutungsbewusstseins angesichts korrekt eingehender Sinnesdaten zu erklären? Der Philosoph Jaspers (1946, S. 641 ff.) antwortet mit seiner Psychopathologie weniger erkenntnistheoretisch als vielmehr pragmatisch. Denn das existenzphilosophische Denken vollziehe sich ja nicht gegenständlich, es beziehe sich immer auf das "Umgreifende". Die Existenzphilosophie verteidigte die Freiheit des Geistes, sie blieb widerständig, human und demokratisch, aber im exklusiven Abstand gegenüber der Welt - und damit konservativ. Insofern war die Allgemeine Psychopathologie ein Versuch, die Einheit der Psychiatrie trotz des Gegensatzes zwischen Verstehen und Erklären zu bewahren. Aber als Philosoph bekräftigte Jaspers letztlich, das "unendliche Ganze des Seelenlebens" sei durch Einzeltheorien nicht erschließbar. Der Kontrast zwischen verstehenden und erklärenden Methoden, zwischen Persönlichkeit und "Prozeß", zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sei hinfällig angesichts der übergreifenden Bedeutung der Existenz. Die verstehende Psychologie lege bestenfalls eine Fährte zur möglichen "Existenzerhellung", doch die Transzendenz der "unbedingten Existenz", die menschliche Freiheit, übersteige die Bestimmung aller Wissenschaft:

"Dem Psychopathologen aber bleibt das Grenzwissen. Er verfährt radikal sinnwidrig, wenn er statt der Krankheitsprozesse empirisch konstatierbarer Art ein Grundgeschehen der Existenzveränderung postuliert. Existenz ist unberührbar durch psychopathologisches Wissen und Erfahrung." (Jaspers 1946, S. 356).

Dennoch muss die Philosophie der Existenz ja selbst Teil der Wirklichkeit sein. Und Jaspers hält auch hier an einer Option fest: Denn der Geist könne nicht erkranken - so lautet seine Position zu einer weiteren Grundsatzfrage - und mithin sei es manchen Patienten möglich, ihre "Erkrankung des Daseins" zu reflektieren und sich anzueignen. Mit Sören Kierkegaard (1813-1855) als Kronzeugen deutet er hier die seltene, nur individuell realisierbare Möglichkeit an, auch Gehalte, "die wir krank zu nennen geneigt sind", in eine existenzerhellende Erfahrung zu transformieren: "Was wir Stellungnahme des Kranken zu seiner Krankheit nennen, steht in der Polarität, ein objektives Wissen in bezug auf den Krankheitsvorgang zu sein oder ein verstehendes Aneignen in Beziehung auf den Grund der eigenen Existenz." (Jaspers 1946, S. 355).

Die Allgemeine Psychopathologie von Karl Jaspers bleibt ein klassisches Werk. In der Theorie des Wahns kristallisieren sich jedoch zentrale Widersprüche seines Denkens heraus. Die Aktualität dieser Theorie liegt nicht nur in einigen überdauernden Ergebnissen, sondern vor allem in der Darstellung von virulenten Kernproblemen in der Psychosentheorie, die eine gegenstandsangemessene, plurale Psychiatrie damals wie heute notwendig machen. Zweifellos unterschätzte Jaspers das Potential der psychotherapeutischen Forschung sowie das Problem der Intersubjektivität in der deskriptiv-phänomenologischen Arbeitshaltung, er blieb bezüglich der Psychopathologie lediglich im diskursiven Rahmen des Gegensatzes zwischen Verstehen und Erklären und konnte sich dem spekulativen somatischen Optimismus nicht ganz entziehen. Doch die methodologische Präzision seines Denkens befähigte ihn als Kantianer und Existenzphilosoph die Grenzen des psychopathologischen Wissens darzustellen und an diesen Grenzen begrifflich zu operieren. Die wissenschaftliche Relevanz des Fachs wuchs mit seiner Wendung des Blicks auf das besondere Verhältnis zwischen der Erfahrung der Behandelnden und der Erfahrung der Subjekte des Wahns. Jaspers (1946, S. 384) formulierte dementsprechend: "Das Kausale trifft auf Fremdes, Unverständliches und Machbares, das Verstehen trifft auf mich selbst im Anderen, auf den Menschen als den Nahen". Psychopathologie nach Jaspers ist eine Erfahrungswissenschaft im Medium der verstehenden Kommunikation und Begegnung, sie schöpft aus der klinisch-therapeutischen Erfahrung und bildet diese im theoretischen Niederschlag erst heraus. Mit diesem Ziel hat Jaspers die Psychiatrie von innen an den Stand der wissenschaftstheoretischen Diskussionen seiner Zeit herangeführt.

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Endnoten

1 Falls es der Argumentationszusammenhang erfordert und um eine historische Einordnung zu erleichtern, wird auch teilweise aus der ersten Auflage von 1913 zitiert. Die Differenzen der verschiedenen Ausgaben der Allgemeinen Psychopathologie werden hier jedoch nicht systematisch thematisiert. Vgl. zu den unterschiedlichen Versionen Kirkbright (2008), die zwar Strukturveränderungen durch die existenzphilosophische Überarbeitung des Werks nachweist, aber die Kontinuität der wissenschaftlichen Argumentation zwischen 1913 und 1946 betont.

2 Vgl. den entsprechenden Passus in Jaspers 1946, S. 47.

3 Die Degenerationslehre des 19. Jahrhunderts verwirft Jaspers als "unbewiesen", er vertritt die um 1900 entstandene Genetik und warnt bereits 1913 vor einer "rassenhygienischen" Umdeutung der Vererbungslehre (Jaspers 1913, S. 218; siehe auch 1946, S. 443; sowie Jaspers 1931, S. 145 ff.) - obwohl er in der vierten Auflage der Allgemeinen Psychopathologie, anscheinend im Widerspruch dazu, selbst einige prominente Rassentheoretiker der dreißiger Jahre unkommentiert anführt, so Eugen Fischer und Ernst Rüdin (Jaspers 1946, S. 422 u. 430).

4 Für den britischen Psychiatriehistoriker Chris Walker (1991) basiert dieser Ansatz auf Immanuel Kants bewusstseinstheoretischer Differenz von Form und Inhalt der Erfahrung. Demnach werde grundsätzlich die Vielfalt der inhaltlichen Sinnesdaten durch das organisierende Prinzip der Vernunft in die formalen Verhältnisse von Subjekt und Objekt übertragen. Weil Objektives in subjektiv ganz verschiedenen Formen repräsentiert werden könne, habe Jaspers zwar diese Vielfalt der Erlebnisformen beschreiben wollen, aber die inhaltliche, nur intersubjektiv zugängliche Seite vernachlässigt (vgl. auch Glatzel 1986).

5 Die Heidelberger Schule ist allerdings auch in sich divergent, etwa angesichts der Bezüge auf Bleuler durch Mayer-Groß und Husserl durch Kronfeld.

6 Übersetzungen der Allgemeinen Psychopathologie folgten u.a. 1928 (französisch), 1950/51 (portugiesisch) und 1963 (englisch).

7 In der Psychopathologie sei nach einem Wort von Kurt Schneider schon in den vierziger Jahren "die Ernte eingebracht" worden. Heute sind grundlegende, neue Entwürfe der Psychopathologie selten geworden, was als Gewinn (für möglichst "theoriefreie" Konzepte psychischer Störungen) oder als Manko (für die Weiterentwicklung der Psychopathologie) gewertet werden kann (vgl. Förstl & Hoff 2009).

8 Das Begriffspaar "Persönlichkeitsentwicklung" und "Prozeß" umspielt eine geschichtlich bedeutsame Differenz. Historisch gesehen, wird bereits im Verlauf des 16. Jahrhundert, also in der Renaissance, sichtbar, wie schwierig der neuzeitliche Begriff der "Persönlichkeit" in die medizinische Theorie der Psychosen integrierbar ist (vgl. Brückner 2007, S. 235 ff.). Jaspers zementiert diese Tradition, aber behandelt das Kernproblem in neuen, zeittypischen Kategorien und versucht es existenzphilosophisch zu überschreiten.



Prof. Dr. Burkhart Brückner
Hochschule Niederrhein
Fachbereich Sozialwesen
Richard-Wagner-Str. 101
41065 Mönchengladbach
Burkhart.Brueckner@hs-niederrhein.de


Prof. Dr. Burkhart Brückner ist Hochschullehrer für Sozialpsychologie an der Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen, sowie  Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Arbeitsgebiete: Klinische Sozialpsychologie, Geschichte der Psychiatrie, Beratungspsychologie.  




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Klinische Philosophie

Kupke, C.; Brückner, B. (Hrsg.)
Das Verschwiden des Sozialen

Stumpf, C.
Erkenntnislehre

Heinze, M.; Loch-Falge, J., Offe, S.. (Hrsg.)
ÜberSetzungen

Lamiell, J.T.
William Stern (1871-1938): A Brief Introduction to His Life and Works

Musalek, M., Poltrum, M. (Hrsg.)
Ars Medica. Zu einer neuen Ästhetik in der Medizin

Vogeley, K., Fuchs, T., Heinze, M. (Hrsg.)
Psyche zwischen Natur und Kultur

Kupke, Ch.
Der Begriff Zeit in der Psychopathologie

Fuchs, T., Vogeley, K., Heinze, M. (Hrsg.)
Subjektivität und Gehirn

Heinze, M., Fuchs, T., Reischies, F. (Hrsg.)
Willensfreiheit – eine Illusion? Naturalismus und Psychiatrie